Nitzer Ebb, Mechanical Cabaret - Hamburg, Markthalle, 08.01.2010 |
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Es war im Februar 1988, als eine aus heutiger Sicht einzigartige Bandkombination in die Geschichte einging. DEPECHE MODE, NITZER EBB und FRONT 242 sorgten auf ihrer damaligen Europatournee für eine brodelnde Alsterdorfer Sporthalle. 22 Jahre später treffen zumindest zwei dieser Größen wieder zusammen. Den Tourauftakt in der Hamburger Markthalle spielen NITZER EBB jedoch nicht wie die anderen Gigs als Vorband von DEPECHE MODE, sondern versprechen als Hauptakt ein Event voller Nostalgie und Schweiß. Den Abend beginnen die ebenfalls bei Major Records unter Vertrag stehenden MECHANICAL CABARET. Diese Band war mir bisher aus einer Remix-Version von CLIENTS "Xerox Machine" geläufig, live hatten offensichtlich nur wenige der Anwesenden bisher das Vergnügen. Besonders sympathisch ist schon einmal, dass Sänger Roi Robertson artig mit dem Publikum vor der Markthalle Schlange steht, um seine Freunde abzuholen. Zusammen mit Kollege Steve Bellamy starten die zwei pünktlich gegen 21 Uhr mit dem Versuch, die recht leere Markthalle anzuheizen. Sehr laut wummern die Beats aus den Boxen, während Roi fast schüchtern und ein wenig schief zu singen beginnt. Doch schon bald achtet niemand mehr auf die nicht ganz getroffenen Töne, denn die mondäne Selbstinszenierung von Roi, der wackelnde Swarowskystein-besetzte Hintern sowie die Interaktion mit dem Publikum nehmen die Aufmerksamkeit voll in Beschlag. "We can do it with dramatic" - damit trifft er wohl den Nagel auf den Kopf. MECHANICAL CABARET sind textlich sarkastisch, visuell (melo)dramatisch, musikalisch jedoch eher durchschnittlicher Electro mit EBM- und Waveansätzen. Mit einem Satz springt Roi plötzlich in den Fotograben und damit direkt in die Gesichter der ersten Reihe, die ein wenig verwundert, irritiert und stellenweise amüsiert reagiert. Zwischendurch ein ordentlicher Schluck Bier und mit jedem Song wird die Performance fetziger. Hier eine Rolle rückwärts auf die Bühne, da ein „mit der Hand Rüberwischen“ über den Synthie und ein sehr lauter Beat, der die stimmliche Schwäche von Roi übertönt. Auch das Verheddern im Mikrofonkabel und ein verzweifelter "KRU"-Mitarbeiter, der hinterher springen und den Kabelsalat beseitigen muss sorgen für Vergnügen. Der letzte Song ist es dann aber, der das Publikum zum Tanzen und Roi zum Lächeln bringt. Der Ohrwurm "See Her Smile" stellt nach knappen 40 Minuten die ideale Vorbereitung auf NEP dar. Endlich geht es EBMiger zur Sache und auch der Gesang ist plötzlich rund. Alles in allem ein netter, musikalisch aber nicht herausragender Auftritt, der schwer an SOFT CELL erinnert, nur dass SOFT CELL eigentlich ganz geil sind. Bereits 2006 brachen NEP mit ihrer Reunion Tour die Jahre des Schweigens. In diesen Tagen erscheint das erste Album seit 1995, und heute haben wir die Gelegenheit, die Wirkung dieser neuen Songs live zu spüren. Ein Blick ins Publikum lässt schon mal einen erstaunlich hohen Turnschuhfaktor erkennen. Gehörte in den 80ern noch ein gehöriges Maß an Mut dazu, sich dem NITZER EBB-EBM zu verschreiben nehmen diese in der heutigen Szene schon eine Pionierbedeutung ein. Dann ertönt auch schon das Intro, einziger Lichtquell ist der Spot auf die NITZER EBB Symbole Zahnrad, Stern und Hammer. Jubelnder Applaus begrüßt Drummer Jason Payne und Co-Head Bon Harris, und zum ersten neuen Song "Promises" zuckelt sogleich Douglas McCarthy hinterher. Wie erwartet trägt er Spiegelpilotenbrille und Krawatte, dieses Mal jedoch keine Reiterstiefel. Auch wenn das neue Album "Industrial Complex" erst in zwei Wochen erscheint wird der erste Song begeistert aufgenommen. Doch bereits nach ein paar Sekunden ist Schluss mit der Ekstase. Denn der linke Boxenturm gibt nur noch ganz dumpfes Kawumm von sich. Doug schaut sich irritiert um, bricht ab und verschwindet von der Bühne. Wir sehen schon das Ende näher rücken, "Test Test" und nervöses Getrippel auf und hinter der Bühne, jeder Sound wird vom Publikum mit Applaus belohnt. Doch schon nach ein paar Minuten ist alles als wäre nichts gewesen. "I'll try it with power this time" grinst Douglas und springt zu "Let Your Body Learn" erneut heran. Kein Halten mehr im Publikum, auf Hardcore Konzerten würde man das wohl Moshpit nennen, was dort passiert. Kurze Zeit später mit den ersten Klängen von "Hearts And Minds" kommt es wie es kommen musste. Männerschweiß in Feinripp wallt empor - ein kurzer Blick zeigt jedoch, dass es auch ohne Feinripp geht. Vollglatzige Köpfe mit nackten Männerbäuchen toben gegeneinander. Das ist nicht Electronic Body Music, das ist Plautzen-Geplatsche. Wie gut, dass auf der Bühne ein ansprechenderes Bild herrscht, auch wenn Kourtney Klein leider nicht mehr die Drums beherrscht. An ihre Stelle ist erneut Jason Payne getreten, der bereits 1995 Mitglied von NEP war, und in einem 20er Jahre Outfit mit klassischer Bundfaltenhose mit Hosenträgern versöhnt. "Once You Say", dem man den Martin Gore Einfluss sofort anhört, wird genau so gut angenommen wie das aus dem SAW-Soundtrack bekannte "Payroll". Doch merkt man deutlich, dass die neuen Songs interessiert aber nicht ganz so frenetisch akzeptiert werden wie die alten. Auch in der Performance merkt man Unterschiede. Die alten Hits sitzen bis in die letzte Bewegung, während sich zu den neueren noch keine Posen etabliert haben. Zuckend, stampfend, wüst springt Doug zu den Klassikern "Murderous", "Control I'm Here" und natürlich "Join In The Chant" über die Bühne. Leider muss man sagen, dass sich hier nichts, aber auch gar nichts verändert hat. Das Programm wirkt ein wenig abgespult, keine Sprüche, keine außerplanmäßigen Ausbrüche, keine neuen Posen. Geboten wird fast dasselbe wie bei den Reunion Shows 2006, Sonnenbrille und Attitüden inklusive. Doch welche Wahl haben NEP? Wahrscheinlich ist doch, dass alles andere mit ziemlicher Sicherheit in die Hose gehen würde, insofern machen NITZER EBB auch 2010 alles richtig. Textlichen Feingeist wird man kaum finden, doch wenn wir mal ehrlich sind erwartet das auch keiner von EBM. Das heute ist Alte Schule, Nostalgie vom Feinsten. Die stampfenden beatorientierten Klänge begeistern, ziehen jedoch leider nach sich, dass einige Sounds nicht ordentlich rüber kommen. Besonders bei "Getting Closer" fällt dies auf. Ganz großes Highlight ist wieder einmal "Godhead", das bis in den kleinsten Muskel zuckte. Einzig die Selbstbegrabbelungsposen von Douglas haben etwas nachgelassen. In die Hose greift er sich nur noch zu "For Fun", Hemd und Brille bleiben bis zum bitteren Ende an. Bon, der mit Drumsticks mit roten Kugel auf seinen Synthie eindrischt, kommt zur Zugabe von "Getting Closer" mit nach vorne und die beiden Shouten genau wie damals mitreißend um die Wette. Den Abschluss bildet das genial instrumentierte "Give To You", und trotz der vielen Zugaberufe geht sofort das Licht an. Aber im Prinzip sind "Fun To Be Had" und das neue "Kiss Kiss Bang Bang" auch die einzigen Songs, die noch gefehlt haben. Ich muss sagen, dass ich fast froh bin, dass dieses Clubkonzert ohne den Headliner DM statt fand, denn in einer großen Arena wären NITZER EBB wahrscheinlich ähnlich wie MOTOR im letzten Jahr unter gegangen. So war es ein Konzert, das noch lange in Erinnerung bleiben wird und genau das gegeben hat, was erwartet wurde: Old School EBM par excellence, jede Menge Spaß und Retro-Feeling. Ganz großartig! Setlist* 01. Promises 02. Let Your Body Learn 03. Shame 04. Hearts And Minds 05. Once You Say 06. Lightning Man 07. For Fun 08. Hit You Back 09. Blood Money 10. Payroll 11. Godhead 12. Ascend 13. Down On Your Knees 14. Murderous 15. Control I'm Here 16. Join In The Chant Zugabe: 17. Getting Closer 18. Give To You * ohne Gewähr (sk) Fotogalerien: |
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