Konzertbericht

Tape - Hamburg, Albert-Schweitzer-Gymnasium, 30.10.2003

Hamburg, Nebel, die Frisur könnte besser sitzen. Es ist früh am Morgen, etwa gegen Elf. Ein kleiner unscheinbarer Schulhof im Norden der Stadt, Kinder spielen vergnügt Fangen. Das Albert-Schweitzer-Gymnasium scheint eine der letzten Bastionen der guten Sitte und Bildung zu sein, keine Drogen verkaufenden 12-Jährigen, die niemandem sagen, dass sie ihr Crack mit Brausepulver strecken, nur zum Spaß. Keine Junkies, die sich neben Milch trinkenden Fünftklässlern einen Druck setzen um kurz darauf Frühstücksgelder einzutreiben. Doch dann...ein markerschütterndes Knarzen. "Jaaa, ühr wohlt auk, dass hir glaisch die krasse Porty abgehn, odörr?!" Amok Alex, Exil-Ami und hauptberuflich Nervbratze des norddeutschen ex-Alternative-Senders Deltaradio sieht nicht nur dämlich aus, sondern redet die meiste Zeit auch Mist, heute ist das nicht anders. Zusammen mit seiner bei "Deutschland sucht den Super-Hirni" rausgeflogenen Kollegin Chaos Kaya (für diese beiden Namen verleihe ich übrigens mit wohlwollen den Adolf-Hohlbirn-Gedächtnispreis) steht er auf einem Showtruck, der direkt auf dem sauberen Hof der Schule geparkt ist. "Deltaradio überfällt deine Schule" heißt die Aktion der Kieler Radiostation, in deren Rahmen das junge Publikum zwischen Erdkunde und Physik auch mal ordentlich Live-Musik auf die Ohren bekommt, dieses Mal sind Tape dran. Die Hamburger Nachwuchshoffnung hatte am Abend zuvor noch im Vorprogramm von Paradise Lost die liebe Mühe, das traurige Gotenvolk auf Touren zu bringen, doch heute soll alles anders werden, denn als die sympathischen Nordlichter auf die Bühne gehen, bricht das Inferno los. Tausend Kinder, die alle zusammen zirka halb so alt sind wie ich, kreischen hysterisch, hüpfen, moshen und schubsen sich durch die Gegend, als hätten sie in der Schule nichts anderes gelernt. In der Tat geht das junge Publikum ab wie blöd und die Band kann sich das eine oder andere Lachen nicht verkneifen. Zwischenzeitlich wird es jedoch ernst. Im Übereifer beginnen die Kids nicht nur neben-, sondern auch auch aufeinander herum zu hüpfen, was Gitarrist Hanz weniger lustig findet und den Gig kurzerhand unterbricht. Nix passiert, das malträtierte Mädel rappelt sich auf und hüpft weiter. Sängerin Dacia, heute mal weniger sexy mit Jeans und Lederjacke, wirkt wie die nette Rock-Mama und auch die Musik der Band verliert in Anbetracht der Location und des vorpubertären Auditoriums geringfügig an Härte, der schlechte Sound tut sein Übriges. Doch auch wenn die Umstände dieses Konzertes ein wenig abstrakt erscheinen, rocken TAPE wie Hölle. Ob nun das göttliche "Mother", "Shake" oder die Single-Auskopplung "Yeeha!", alle Songs werden frenetisch gefeiert und letzterer sogar lautstark mitgesungen. Dacia fummelt sich letztendlich noch den Tanga aus der Hose, schenkt ihn einem sichtlich erregten Jüngling und auch wenn spätestens jetzt der anwesende Lehrkörper verwirrt die Köpfe schüttelt, scheinen alle überaus zufrieden. Kult!

Übrigens: Wie ich kurze Zeit später erfuhr, ist das Albert-Schweitzer-Gymnasium nicht nur sauber, sondern war vor allem auch Veranstaltungsort des legendären DIE ÄRZTE-Unplugged "Rock´n Roll Realschule".

(cs)

 
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