Konzertbericht

Rockbitch in Nürnberg - Hirsch, 09.09.1999

Wie sich die Zeiten ändern! Noch vor einem Jahr war ein großes Aufheben um den Auftritt von Rockbitch in Nürnberg, das ganze wurde nach langem Hin und Her letztendlich vom Stadtrat verboten, die skandalösen ROCKBITCH mit ihrer Pornoshow und ein bisschen Rockmusik sollten hier kein Forum kriegen. Und dieses Jahr? Rockbitch haben ein Album raus, das gute Kritiken einfährt, haben ihre Show entschärft und geben sich politisch korrekt und siehe da, sie verkaufen das Haus so spielend aus, dass man sogar ein Zusatzkonzert anberaunt.

Um sich die neugewonnenen Sympathien nicht zu verspielen wurde tatsächlich auf jedwede Brisanz verzichtet. Less pulp, more rock - das war wohl das Motto des Abends. Der Performanceteil beschränkte sich auf immer weiteres Entblößen und wilde Knutscherei untereinander, alles was härter war als das lief höchstens auf der Videoleinwand im Hintergrund. Also schauen wir uns mal den musikalischen Aspekt an, immerhin sind wir primär ein Musik-Fanzine. War gut, ja. Aber ehrlich gesagt, ohne das Nackedei-brimborium würden die Mädels (plus Gitarrist) keine Säle ausverkaufen. Gut, den All-Girl-Bonus könnten sie weiterhin auskosten, aber da können sie nie und nimmer mit Bands wie Drain mithalten. Klar, Quotenmann Beast brät und brezelt schöne Riffs, sauber, aber nicht eben umwerfend neu. Sängerin Julie hat eine tolle Stimme und kann damit umgehen. Allein die mit Abstand Beste in der Band, Basserin Bitch, kann vom musikalischen her so richtig begeistern, sie rettet die Band, vergeudet aber fast ein wenig ihr Talent hier...

Weiterhin dubios bleibt die Message der Band, denn man zieht sich ja den Stöckelschuh der Frauenbefreiung und sexuellen Entkrampftheit an, an sich eine gute Idee. Aber dabei langt man auch mal fürchterlich daneben, denn beim zweiten Song, nach einer Ansage gegen Beschneidung von Frauen, läuft ein Video auf der Leinwand, auf dem abwechselnd gequält werdende afrikanische Mädchen, geschlagen und misshandelt werdende Frauen in beklemmend reellen Aufnahmen gezeigt werden und immer zwischendurch Sexszenen über die "Zensiert" und "Verboten"-Banner laufen. Ich hab mich umgehört, so richtig kapiert hat den Schmonz keiner, vor allem weil die Mädels auf der Bühne dazu quietschvergnügt und halbentblößt rumhüpfen - sehr suspekt das alles.

Suspekt auch das dazu gar nicht so recht passen wollende Fotografierverbot, wenn die Mädels so ein Sendungsbewusstsein haben, dann muss ihnen doch daran gelegen sein, dass JEDER sieht, um was es ihnen geht, nicht nur der zahlende Gast. Aber das kann ja auch vom Veranstalter ergangen sein, der sich natürlich mehr Zuschauer erhofft, wenn man nicht schon alles kennt. Ausserdem fiel mir der Altersdurchschnitt gewaltig auf, um mich rum niemand unter 35, und auch wenns klischeehaft klingt, ich hätte etliche der Zuschauer auch eher in einem Nachtclub vermutet, scheinbar ist ein Abend bei einer Rockband günstiger als dort. Und gebangt hat eh keiner, man könnte ja was verpassen, was auf der Bühne passiert...

Bestes Zitat: Tänzerin/Sängerin Babe: "You all know how guitarists masturbate... (kurzes Dudelsolo von Beast, Applaus) - hey, that´s sexual!" (mono)

Ein richtig soziales Konzert war das! Jawohl, auch Rockbitch kümmern sich um die sozialen Belange der Welt und ihrer Fans, ob Ihr’s glaubt oder nicht! Zuerst mal prangern sie einige Mißstände dieser Welt an, allen voran die Beschneidung der Frauen in Afrika, aber natürlich auch Gewalt gegen Frauen überhaupt. Damit sich auch jeder was drunter vorstellen kann, gibt’s auch gleich ein Video dazu, wo man endlich mal sieht, wie’s richtig gemacht wird, das mit der Beschneidung und der Gewalt. Und dazwischen zur Auflockerung Sexbilder, die zensiert werden. Ob das der richtige Weg ist, die durchaus richtige Botschaft rüberzubringen, daß das, was Rockbitch machen gut und nur erwähnter wirklich pervertierter Sex schlecht sei, mag jeder für sich beurteilen. Wobei es natürlich schon höchst lächerlich ist, wie in München ein Auftrittsverbot zu erteilen bzw. nur unter der Auflage, hübsch brav und anständig zu bleiben in Stoiberland, wonach sie sich dann nicht mehr entblößen durften. Auch die Fans haben natürlich eine soziale Ader. So haben sie dann auch gar nichts dagegen, als sich die Mädels (oder besser Frauen?) wegen der beinahe unerträglichen Hitze in der Halle ausziehen, ja sie begrüßen es sogar mit Klatschen und Pfeifen um zu zeigen, wie sozial sie sind.

Auch ist es immer wieder schön fürs soziale Herz, so einen richtig guten Zusammenhalt in der Band zu erleben. Diesen mußte hier nun wirklich keiner vermissen, denn die Girls zeigten ihre innige Zuneigung zueinander fast hemmungslos. (Zum Bedauern nicht Weniger gab es keinen Fist-Fick und auch sonst keine Deckung, aber wie gesagt, es war auch so schon ziemlich heiß.) Damit auch die Kleinsten und Letzten noch was davon mitbekommen, wurde das Ganze noch gefilmt und auf die schon erwähnte Leinwand übertragen.

Nach so viel Liebe und gegenseitigem Verständnis grenzte der letzte soziale Act schon fast an Selbstaufopferung, nämlich die Gitarre eine Weile fast verstummen zu lassen. (Böse Zungen behaupten ja, es wäre ein technischer Fehler gewesen...) Weil spielen können sie ja nun wirklich nicht, und die Industrialeinflüsse der letzten Zeit machen das auch nicht besser. Aber schließlich war ja auch niemand ernsthaft wegen der Musik gekommen (oder? Jedenfalls sind sonst kaum 80% schon weit jenseits der 30 auf nem Metalkonzert) und die Show war jedenfalls recht professionell. So weiß ich jetzt z.B. endlich, wie ein Gitarrist masturbiert oder was man mit einem Mikro alles machen kann...

Alles in allem ein netter, unterhaltsamer und je nach Veranlagung sicher anregender Abend. Und für die Musik gibt’s ja Ohrenstöpsel :-)!

(arw)

 
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