Konzertbericht

Anathema - Hamburg, Logo, 26.01.2004

Ich kann es wirklich nicht mehr hören! Wer heute immer noch auf ein ANATHEMA-Konzert geht und alte Klassiker von Alben wie "Pentecost III" oder "Serenades" hören will, hat entweder in den letzten zehn Jahren zu viele bewusstseinstrübende Drogen genommen, oder stand generell rein wahrnehmungstechnisch auf der Abwesenheitsliste. ANATHEMA SIND KEINE METAL-BAND!! Also ihr ewigen Querulanten, bleibt das nächste Mal einfach zu Hause, wenn die Engländer über Eure Stadt herfallen, denn blöde Kommentare wie "Scheiß Schwuchtelmusik" oder "Ey Ihr Pisser, macht mal wieder Metal!" nerven und gehören in den Black-Metal-Kindergarten. Wer die Entwicklung der Band nicht nachvollziehen kann, dem obliegt immer noch die freie Entscheidung, das Konzert überhaupt zu besuchen. So, genug Dampf abgelassen. ANATHEMA waren in der Stadt, im Gepäck hatten sie ihr neues Meisterwerk "A Natural Disaster", das hervorragend an den Vorgänger "A Fine Day To Exit" anknüpft und ein beruhigendes Dementi gegen die vor zwei Jahren aufkeimenden Auflösungsgerüchte darstellt. Auch auf der Bühne war von bandinternen Querelen keine Spur zu erahnen, immerhin standen im Gegensatz zur letzten Tour, die im Übrigen fast genau zwei Jahre zuvor an der selben Stelle halt gemacht hatte, wieder alle drei Cavanagh-Brüder vereint an den Mikros. Jamie, Danny und Vincent, man witzelte "die Kelly Family der guten Musik", legten nach einer warmen Begrüßung ("Shut the fuck up!") mit "Balance" vom aktuellen Album los, frenetisch vom Hamburger Publikum gefeiert, das seinem kühlen Ruf zum trotz heute mal so richtig auftaute. Die Band wirkte eingespielt, wenn auch nicht so routiniert wie beim letzten Mal, was durchaus an der regen Bewegung des Besetzungskarussells in den letzten Jahren gelegen haben dürfte, denn immerhin hatte Danny zwischenzeitig die Band verlassen, Jamie kam erst 2002 nach elf Jahren zurück und auch am Schlagzeug und an den Synths gab es regen Betrieb. Drummer und Gründungsmitglied John Douglas der zwischenzeitlich ein Jahr Pause gemacht hatte, saß lächelnd hinter seinem Kit und auch an den Synthies bot sich ein mittlerweile gewohntes Bild: Les Smith, formerly known as "Reverend Lecter", der unter diesem bösen Synonym schon bei den Landsmännern von Cradle Of Filth in die Tasten griff, gab sich gewohnt lässig und hatte, wann immer es sein Einsatz zuließ, eine Kippe im Mundwinkel. Die Band vermittelte einen äußerst gelösten Eindruck und sowohl Spielfehler, wie technische Probleme wurden mit Scherzen entschärft. Die Späßchen zwischen den Songs und ein permanentes Grinsen auf Vincents Lippen, boten einen willkommenen und warmen Kontrast zur düsteren Musik der Briten. Das Logo, in Musikerkreisen liebevoll "die größte Sauna Deutschlands" genannt, glänzte auch heute wieder mit einem ausgezeichneten Sound, lediglich der eigens mitgebrachte Lichtmann sollte vor den nächsten Shows noch ein wenig üben, denn die grandiose Atmosphäre hätte mit ein wenig mehr Taktgefühl durchaus noch gesteigert werden können. Die Setlist konzentrierte sich erwartungsgemäß auf neuere Werke, wobei mit Songs wie "Closer", "Are You There", "Pulled Under At 2002 Metres A Second" oder auch "Flying" natürlich vor allem das neue Album bedacht wurde. Aber auch "Judgement" und "A Fine Day To Exit" waren ein fester Bestandteil des Sets, in dem vor allem das Spiel zwischen Laut und Leise eine große Rolle spielte. Mit "Everwake" bekam sogar die allererste EP der Briten "Crestfallen" ihren wohlverdienten Credit und das mehrmals lautstark geforderte "Sleepless" bot dann doch noch ein Trostpflaster für all jene, die seit 8 Jahren keine ANATHEMA-CD gekauft haben. Nach zwei Stunden eindrucksvoller Musik blieb einer sichtlich gerührten Band dann nur noch, den Abend mit einem Pink Floyd-Coversong zu beenden. "Comfortably Numb" hieß damit der Schlussakkord eines wirklich denkwürdigen Konzertes.

(cs)

 
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