Konzertbericht

Journey, Kamelot, Seven Witches, Coheed And Cambria - New York, , 22.11.2005

New York, wie es singt und lacht...

In einer Stadt, die von allem so viel zu bieten hat, wie New York City, bekommt man natuerlich auch kulturell jeden Abend das volle Programm um die Ohren. Ich hab mich nach dem Besuch eines sehr starken APOCALYPTICA-Gigs in einem der vielen sehenswerten "Ballrooms" der Stadt im Spaetsommer diesen Jahres nun Ende November aufgemacht, drei weitere Locations dieser Metropole bzw. ein paar weitere Bands anzuchecken, um mal zu sehen, wie und vor allem wo sich Stromgitarrenkonzerte in dieser Stadt sonst so abwickeln. Eines kann ich vorweg nehmen: Es ist absolut erlebenswert...

Los geht mein kleiner Rundumschlag mit dem Besuch des "Nokia Theater", direkt am Times Square. In diesem unterirdischen Luxusbunker geben sich COHEED AND CAMBRIA die Ehre, was locker 2.000 Amis dazu verleitet, sich ein Ticket zu kaufen. Selbige gibt es uebrigens fast ausschliesslich uebers Internet und dort auch im Wesentlichen nur ueber einen Anbieter, was in meinen Augen dafuer verantwortlich ist, das dieser sich sogenannte ‚Servicegebuehren’ berechnet, die z.T. bei 45% des Eintrittspreises liegen...

Coheed jedenfalls sind mit 25 Dollar ein sehr fairer Deal, zumal sich noch drei(!) Vorbands angesagt haben. Die erste davon bekomme ich aber nur am Rande mit, da ich vorwiegend mit Staunen ueber die Oertlichkeit ausgelastet bin: Eine wirklich grosse, im Keller gelegene Halle, topmodern, todschicke Kronleuchter, feine Akustik, seitlich mit Galerien bestueckt und einer grossen Buehne - alles da. Der Knaller aber ist, dass das Theater in Steh- und Sitzplaetze geteilt ist, wobei die vorderen zwei Drittel (jeweils ein gutes Basketballfeld gross) in zwei unterschiedliche Hoehenlevel unterteilt sind und das hintere Drittel allerfeinste, ansteigende Wohlfuehl-Kinositze bietet! Nachdem ich diesen Luxus (man hat von ueberall beste Sicht, Ausschallung bis ins letzte Eck perfekt, staendig huschen Techniker herum und checken die Akustik) verdaut hab, steht mit DREDG auch schon die zweite Band des Abends auf der Buehne. Wer auf athmosphaerischen Rock mit Alternative-Touch und coolen Melodien steht, sollte sich einen Gefallen tun und einfach das aktuelle Album "Catch Without Arms" besorgen - alleine das Eroeffnungs-Doppelpack "Ode To The Sun" und "Bug Eyes" sind erste Sahne.

Das kann man dagegen von den Spinnern danach nicht behaupten. Die Vollspackos BLOODBROTHERS plaerrkeifen sich zu einem amelodischen Soundeinerlei auf der Buehne in einem fort hysterisch an, sind in ihrer ganzen nervigen Ueberfluessigkeit auch noch arrogant und bringen die Haelfte der Halle dazu, sich stinksauer ein ueberteuertes Ami-Bier zu holen und die neueste Handy-Generation im topmodernen Foyer zu begutachten. Wie so etwas Beschissenes ‚Special Guest" wird, soll mir mal einer erklaeren...

Als COHHED AND CAMBRIA schliesslich die Verstaerker anschmeissen, gibts fuer die erleichtert zurueck in die Halle stuermende Meute kein Halten mehr: Zu koeniglich leicht dahinschwebenden Melodieboegen und Sekunden spaeter alles niederbrezelnden Riffattacken der endgeilen Lokalmatadoren bangen sich uebermuetige Nachwuchsmetaller die Birne schimmlig, abgeklaerte Altrocker schwenken dagegen souveraen den Kopf zum Takt - und ich schlaf selig im Sitzplatzbereich ein. Nuechtern wohlgemerkt. Unfassbar! Keine Ahnung, was die mir morgens in die Milch getan haben, aber ich bekomm das Ende des Gigs nicht mit, weil ich ums Verrecken nicht wach bleiben kann.
Fazit trotz verpasster Schlussviertelstunde: Checkt die Jungs unbedingt an, wenn sie Anfang ’06 nochmal nach Deutschland kommen - es lohnt sich!

Mein naechster Abstecher fuehrt mich anderntags ins "B.B. Kings Bar And Grill", ebenfalls mitten am Times Square gelegen. Hier spielen KAMELOT zum Tanze auf, und die Rolle des Einheizers uebernehmen SEVEN WITCHES. Dass mir jedoch partout nicht warm werden will, liegt nicht nur an der sehr ‚cool’ dosierten Klimaanlage - die Mannen um ex Savatage-Klampfer Jack Frost koennen mich mit ihrem verhaeltnismaessig altbackenen Metal zu keiner Sekunde ueberzeugen (einzige Ausnahme ist das ungewoehnlich athmosphaerische ‚Passage To The Other Side’). Das laesst mir die Gelegenheit, mich kurz umzusehen: B.B. King’s Laden, in dem die Blueslegende auch regelmaessig Auftritte absolviert, ist ein wahres Schmuckstueck, das mit seinen rundum verteilten Ledercouch-Garnituren, Sitzecken und kleinen Tischchen eher Lounge-Atmosphaere verbreitet. Zumal sich direkt neben diesem - ebenfalls unterirdisch gelegenen - Etablissemet noch das clubeigene Restaurant befindet (aus dem tatsaechlich Pianomusik herueber wabert...). Heute Abend aber dient der Laden einem Metal-Gig als Buehne, und gegen Ende seines Auftritts gelingt es Jack Frost und seiner Truppe doch noch, das verwoehnte New Yorker Publikum auf seine Seite zu ziehen. Die halbstuendige Umbaupause wird verkuerzt, indem man auf den beiden seitlich der Buehne befindlichen Grossleinwaenden(!) die zwei sehr amtlich produzierten Videos der aktuellen Kamelot-Scheibe "The Black Halo" zeigt. Dies erweist sich als der perfekte Einstieg in den Auftritt der amerikanisch-europaeischen Multikulti-Truppe, denn vom ersten Takt an frisst der Mob den Jungs aus der Hand. Auch hier ist der hintere Teil des Etablissements (also zwischen den aeusseren Sitzgelegenheiten und dem ‚Innenraum’) wieder einen Meter angehoben, so dass von ueberall beste Sicht herrscht. Interessant: Da es sich laut Saenger Khan um das Abschlusskonzert der Tour handelt, scheinen viele Musiker-Eltern anwesend zu sein. Oder wie sonst ist es zu erklaeren, dass sich bei einem Metal-Gig ca. ein halbes Dutzend Paar stolzer End-Sechziger in den Sitzecken luemmeln bzw. interessiert im Innenraum stehen? Gitarrenheld Youngblood verzieht so oder so mal wieder keine Miene, der neue Mann am Keyboard, Oliver, macht eine gute Figur, und Goldkehlchen Khan trifft zwar ausnahmslos jeden Ton, sollte aber endlich mal an einem etwas charismatischerem Auftritt arbeiten. Fuer eine internationale Topband ist das lethargische Agieren des norwegischen Frontmanns bei allen stimmlichen Qualitaeten ein Armutszeugnis.

Nach gerade mal 75 Minuten ist dann auch schon Sense, Kamleot kommen aber - surprise, surprise (gaehn...) - nochmal raus, um abschliessend das gelungene ‚The March Of Mephisto’ sowie den herrlichen Doublebass-Kracher ‚Kharma’ zum Besten zu geben. Fazit: Wenn man sich und den Fans schon den Luxus goennt, fuer die paar Noten extra eine Sopranistin mit auf Tour zu schleifen, dann duerfen’s beim naechsten Mal ruhig ein paar Minuten mehr sein, Jungs. Gut genug wart Ihr schliesslich.

Der Kracher meiner Metal- bzw. Hardrock-Odyssee erwartet mich aber tags drauf: Es ist mir gelungen, fuer den JOURNEY-Gig noch ein Ticket zu bekommen, und zu meinem Glueck spielen die auch noch im "Beacon Theater". Das Teil ist eines von New Yorks aeltesten Kulturhaeusern, wurde erbaut 1929 (fuer Amis ein wahres Altertuemchen!) und sieht innen original aus, wie eine Oper! Das heisst, der komplette Saal sowie die oberen Raenge sind ausnahmslos bestuhlt - und wir reden hier von einem Hardrock-Konzert. Genau 30 Minuten vor Konzertbeginn gehen die Tueren auf, und jeder schleicht artig auf seinen Sitzplatz. Als sich immer mehr Leute zwar mit Journey-Shirt bekleidet, aber auch mit einer riesen Tuete Popcorn bewaffnet, an mir vorbeidraengeln, komme ich mir endgueltig vor, wie im Kino. Wobei es von der praechtigen Optik mehr so aussieht, als wuerden Journey heute in der Semperoper auftreten. Das muss man sich mal vorstellen...

Der Gig beginnt jedenfalls fulminant mit dem "Raised On Radio"-Kracher ‚Be Good To Yourselves’, was fuer mich in etwa die gleiche Aussagekraft besitzt, wie Savatage, die mal eben mit "Hall Of The Moiuntain King’ in den Set einsteigen. Der Sound ist glasklar (kein Wunder, bei dem Gebaeude), wie ueblich herrscht absolutes Rauchverbot, alles sitzt und wippt freudig mit, klatscht brav oder holt Popcorn-Nachschub.

Die ausgesprochen spielfreudigen Amis haben nach 30 Jahren ein schier unglaubliches Repertoire an Klassikern, so dass es ein wenig verwundert, dass einige Solopassagen doch recht ausgiebig interpretiert werden, statt die Zeit besser zu nutzen. Dennoch kommt beim jeweilig individuellen Koennen der Musiker zu keiner Sekunde keine Langeweile auf. Und wenn das etatmaessige Goldkehlchen Steve Augeri weichen muss, weil Keyboarder Jonathan Cain mal wieder ans Mikro greift, hat auch das seine Berechtigung, da die Stuecke der aktuellen Scheibe "Generations" von allen Bandmitgliedern abwechselnd am Lead-Mikro eingesungen wurden.

Dass in dieser Band jeder singen kann, ist also bekannt. Richtig fassungslos bin ich aber, als sich herausstellt, dass auch die unglaublich praezisen Background-Choere keineswegs vom Band kommen! Und dass Deen Castronovo neben der Tatsache, dass er ein voellig begnadeter Power-Drummer ist, auch noch ueber eine derart aussergewoehnlich gute Stimme verfuegt, war mir neu. Leider singt der Mann an den Drums nur ein Stueck, welches aber zu den Highlights der Show zaehlt.

Wobei, selten habe ich eine solche restlos mit Klassikern vollgespickte Show erlebt - unglaublich! Niemand der 2.800 Besucher des Theaters sitzt inzwischen mehr, selbst der gesamte Oberrang dreht kollektiv durch. Ich bin sicher, bei den Backstreet Boys wurde seinerzeit nicht lauter mitgesungen und ueberlege ernsthaft, mir fuer die morgige Zusatzveranstaltung noch ein Ticket zu ‚organisieren’...

Nach 140 Minuten Nonstop-Platin-AOR beenden Journey diese fulminante Show, und ich bin froh, diese quicklebendige Legende einmal live erlebt zu haben. Sowohl Musik als auch Darbietung und Location sind an diesem Abend in sprichworetlichem Einklang Weltklasse!
Fazit: Schwingt Euren Hintern endlich mal wieder nach Deutschland, verdammt nochmal!

New York ist nicht erst seit gestern eine Reise wert - wer aber die Chance hat, in dieser Stadt auf ein Hardrock- bzw. Metal-Konzert zu gehen, kann sich sicher sein, etwas ganz Besonderem beizuwohnen. Eben New York, wie es singt und lacht...

(heavy)

 
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