Interview

12.10.2001 Mortiis
 
Wer die Musik nicht kennt, hat ihn zumindest schon mal gesehen, diesen Freak mit der Ganzkörper-Nase und den Spock-Ohren. Mortiis geistert seit einigen Jahren in der Szene herum und fabrizierte auf seinen bisherigen Alben elektronische Musik, weit weg vom Metal und jenseits aller übrigen Schubladen, die besonders der Wave und Gothic-Fraktion die Abende am Kamin atmosphärisiert haben dürfte. Auf seinem neuen Werk "The Smell Of Rain" baut der Herr seinen Sound aus, wagt sich in poppigere Gefilde und greift auch wieder dezent zur Gitarre. Im örtlichen Promo-Department sitzt mir der tatsächlich nicht wirklich hässliche Freak gegenüber und plaudert fröhlich über die Enwicklung der aktuellen Langrille.
Viele Leute wollen wissen, warum sich mein Stil so extrem geändert hat und ich denke, der einzige Grund dafür ist, daß ich einfach keine Lust mehr auf mein altes Zeug hatte. Ich merkte, daß ich einfach müde wurde. Ich wollte die Musik machen, die ich mir auch privat momentan am meisten gebe, sowas wie Nine Inch Nails oder Skinny Puppy, viel Synthie Pop und sowas. Ich wollt diese Einflüsse in meine Musik einbeziehen und daraus eine abgefahrene Mixtur basteln. Das ist eigentlich alles, was mich zu diesen Änderungen bewogen hat und ich glaube, daß dies die wichtigste Entwicklung ist, die meine Musik je durchgemacht hat. Ich habe das Gefühl, das erste Mal mit voller Leidenschaft an die Sache herangegangen zu sein, ein Album geschaffen zu haben, an das ich wirklich glaube. Wenn Leute meine letzten Alben gemocht haben, hat mich das geehrt, wenn nicht, war mir das ziemlich egal. Wenn mir hingegen heute jemand sagt, daß er "The Smell Of Rain nicht mag, verletzt mich das irgendwie schon mehr. Ich hoffe, daß die Leute es mögen werden.

Mit Mortiis Wurzeln hat seine Musik nicht mehr wirklich viel zu tun, immerhin spielte er einst bei Norwegens Black Metal-Exportschlager Emperor...

Die Emperor-Geschichte war eine sehr kurze. Ich habe dort nur für etwa ein Jahr gespielt und dann wurde ich rausgeworfen, prinzipiell, weil ich ein verdammt großes Ego besitze und allein besser klar komme. Ich höre nicht mehr wirklich viel von diesem Zeugs. Ich besitze zwar immer noch einige Platten, aber im großen und ganzen ist diese Art von Musik einfach langweilig für mich geworden. Mein Musikgeschmack hat sich einfach um meherere Horizonte erweitert, es gab eine Zeit in der ich so viel Neues entdeckt habe. Ich habe festgestellt, daß Musik so viel Raum für Experimente und Einflüsse hat, so daß Black Metal und Metal generell relativ unwichtig für mich wurde. Ich bin immer noch ein Fan der alten Metal-Geschichten und das werde ich aus meinem Herzen auch nicht weg bekommen, Iron Maiden und Accept sind nach wie vor meine alten Helden und ich glaube kaum, daß sich daran etwas ändern wird.

Dann liegt nahe, daß Mortiis eine Art der Flucht aus langweiligen Gefilden in die eigene Selbstverwirklichung darstellt...

Ich habe mit Mortiis angefangen, als ich noch in der Metal Szene steckte, aber generell kann man das schon so sagen. Ich war noch sehr jung und Mortiis war nur ein Projekt, aber es wurde wichtiger und wichtiger...

...und der Musiker wurde hässlicher und hässlicher. Daß viele Menschen die Verwandlung zum Vampir a´la Klaus Kinsky in Dracula belächeln und gelegentlich verspotten, ist ein Fakt, doch woher diese Passion für die Maskerade?

In den Anfangstagen war ich rein Image-technisch sicherlich von der extremen Black Metal-Szene beeinflußt, was zur Folge hatte, daß alles besonders dunkel und böse aussehen sollte. Doch du weißt ja wie das ist...man wird halt älter. Und je älter du wirst, desto klarer wird dir, daß du nicht wirklich böse sein kannst. Wirklich böse zu sein hätte zur Folge, sich selbst hassen zu müssen. Ich glaube nicht einmal, daß das Böse wirklich existiert, weil es sich selbst zerstören würde. Aber ich denke kaum, daß das deine Frage beantwortet...ähm...What the fuck was your question actually?

Nachdem sich Journalist und Rockstar kollektiv unter den Tisch gelacht haben, erklärt Mortiis letztendlich doch noch, wie die Idee aufkam sich selbst zu verunstalten...

In erster Linie war ich damals ein riesengroße Kiss-Fan, ich liebte diesen Mix aus Schminke und Musik. Dazu kam, daß mich Tolkiens "Herr der Ringe" faszinierte und ich eben außerdem in der Black Metal Geschichte steckte. Ich wollte damals etwas Eigenes darstellen, einfach individuell sein und so formte sich langsam der Mortiis Charakter, der nichts anderes darstellen sollte als mich selbst. Damals besaß ich ein unglaublich großes Ego und habe gedacht:"I´m the fucking King, man!", heute habe ich mich ein wenig gemäßigt. Niemand hatte so etwas vorher getan, ich war unglaublich stolz und habe allen möglichen Menschen Fotos geschickt um ein wenig anzugeben.

Nicht zuletzt die Kostümierung sorgte in letzter Zeit immer wieder für zuweilen recht lustige Gerüchte. Es wurde sogar gemunkelt, Mortiis hätte sich angeblich mittels plastischer Chirurgie zum permanenten Vampir verwandeln lassen, doch dies ist nicht die einzige und vor allem nicht die abgefahrenste Mutmaßung...

Naja, wie Du schon gesagt hast, ist es sehr witzig, daß Leute glauben, ich hätte mich unters Messer gelegt... Das wahrscheinlich abgefahrenste Gerücht, das ich je über mich gehört habe, ist nicht wirklich lustig, angeblich habe ich meine Mutter erstochen, was natürlich völliger Bullshit ist. Ich soll außerdem Alkoholiker sein...ähm...das stimmt natürlich auch nicht. Ach ja, Danny Gloover und ich sollen außerdem ein musikalisches Projekt gegen rassistische Taxifahrer am Start haben und meine Nase habe ich angeblich schon in irgendwelchen Porno-Filmen gezeigt...

Wenn Menschen über antisemite Taxifahrer munkeln, ist das sicherlich nicht schön, aber auch kein wirklicher Grund zur Sorge, doch der Mord an Müttern sollte einem schon zu Denken geben. Mortiis selbst sieht das alles nicht mehr so eng...

Ich habe mich daran gewöhnt, mittlerweile packe ich diese ganzen Dinge sogar auf meine Webseite. (die übrigens sehr zu empfehlen ist: www.mortiis.com - Anm.d.Verf.) Wenn diese Menschen Scheiße über mich verbreiten und über mich lachen, warum sollte ich nicht davon profitieren? Das macht meine Homepage um einiges interessanter. Ach ja, wußtest Du, daß ich dreizehn Zehen habe und außerdem habe ich auch dreizehn Katzen, was sogar fast der Wahrheit entspricht. Als ich damals in Schweden gelebt habe, besaß ich nämlich zwölf Katzen und das war vollkommener Wahnsin. Zwölf Viecher in einem Ein-Zimmer-Appartement und das schlimmste überhaupt: Ich bin allergisch gegen Katzen, aber ich liebe sie. Trotzdem mußte ich sie weggeben, denn als ich merkte, daß ich allergisch bin, hatte ich bereits ein paar. Ein weiteres Gerücht ist übrigens, daß ich der siamesische Zwilling von Vont bin, was ziemlich seltsam ist, den Vond war ein musikalisches Projekt von mir selbst, also bin ich mein eigener siamesischer Zwilling...hihi.

Das Leben in Norwegen ist weit ab von allen Gerüchten eher unspektakulär...

Ich habe kein wirkliches Privatleben, im Prinzip dreht sich alles um die Musik. Wenn ich gerade keine Musik mache, beschäftige ich mich mit dem Schreibkram, der sich um Mortiis dreht. Am Wochenende komme ich dann auch mal heraus, betrinke mich und versuche, ein paar Frauen abzuschleppen, was unglücklicher Weise niemals funktioniert.

Und geht der Herr Musiker denn auch geregelter Arbeit nach?

Nein, ich Arbeite nicht. Ich habe mich dafür entschieden, weil es mir die Freiheit gibt, mich voll und ganz auf meine Musik zu konzentrieren. Es wäre natürlich nett, wenn demnächst dann auch ein wenig mehr Geld dabei herum kommen würde, was zwar nicht das allerwichtigste ist, aber doch ein kleiner Bonus wäre.

Ein Bonus für die Fans wäre sicher auch eine Tour. Auch auf diesem Sektor ist bereits etwas geplant...

Ja, wir kommen auf jeden Fall auf Tour, aber noch nicht in diesem Jahr, da wir noch zu sehr mit den Proben beschäftigt sind. Ich werde eine Live Band dabei haben und es wird sich komplett von den Auftritten unterscheiden, die ich bis dato hatte. Und bevor wir live spielen, möchte ich unbedingt sicher gehen, daß auch alles gut klingt. Wie es insgesamt auf der Bühne aussehen wird, kann ich kaum sagen, aber es wird auf jeden Fall bizarr sein. Ich hoffe, daß die finanziellen Mittel zur Umsetzung meiner Pläne reichen, denn in der Vergangenheit sah das alles nicht so gut aus. Aber es ist auch schon beeindruckend, was man sich so alles zu Hause in seiner Küche basteln kann, das dann auf der Bühne ziemlich cool aussieht. Ich mag es, unterhalten zu werden und ich hoffe, daß wir es schaffen, die Leute zu unterhalten, obwohl es ja in erster Linie um die Musik geht. Das Verhältnis muß eben stimmen und wo unsere Shows in der Vergangenheit noch unheimlich langweilig waren, sollen sie jetzt wirklich sehenswert werden.

Und zum Schluß noch die obligatorische Lebensphilosophie bitte...

Oh mein Gott, darauf war ich nicht vorbereitet...Ich hatte mal so viele davon, aber irgendwann mußte ich leider feststellen, daß die alle purer Müll waren. Der gesundeste Weg für mich zu leben ist sicherlich, immer das Schlimmste zu erwarten, sich aber nicht so zu verhalten, was ich leider immer noch zu oft tue. Hoffnungen sind gut, Erwartungen sind schlecht. So komme ich eigentlich ganz gut durch den Tag, wenn du nicht zu viel erwartest, kann dich auch weniger schnell etwas umhauen. Wenn du zu oft enttäuscht von irgendetwas bist, kann dich das ganz furchtbar schnell in ungeheure Depressionen treiben. Ich habe in letzter Zeit ganz gut gelernt mit solchen Gefühlen umzugehen und es erleichtert dir das Leben ungemein.....

Weise Worte von einem Weisen Mann, der sich als einer der sympathischsten Interviewpartner meiner Schreiberlings-Geschichte entpuppte... (cs)
 
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