Interview

18.07.2001 Soulfly
 
Irgendwie war das schon eigenartig: Ich war an diesem stürmischen Juni-Nachmittag im Begriff, ein Stück Musikgeschichte zu treffen, einen Musiker, der mein Leben zumindest in musikalischer Hinsicht nicht nur unerheblich beeinflußt hatte. Ich saß in der Lobby eines Hamburger Hotels und steckte mir nervös eine Kippe an, als sich ein paar Meter vor mir entfernt eine Fahrstuhltür öffnete... Tja und zehn Minuten später sitze ich mit dem werten Herren auf der Couch und freue mich über seine Redseeligkeit. Eigentlich hätte das Interview schon Anfang diesen Jahres stattfinden können, doch leider wurde die Show in Hamburg kurzfristig abgeblasen...
Ich habe keine Ahnung, was da los war. Wir haben selbst noch keine Show gecanceled, das muß von Seiten des Labels passiert sein. Aber ich bin jetzt richtig froh, wieder hier zu sein. (lacht) Es ist einfach großartig auf Tour zu sein, besonders dieses Mal. Die letzten Shows waren wirklich intensiv und wir haben viel Spaß.

Das neue Album "Primitive" ist nun auch schon wieder einige Monate auf dem Markt. Mit ein wenig Abstand gewinnt oder verliert eine Platte manchmal...

Ich glaube, irgendwann ist man an einem Punkt angelangt, wo es völlig nebensächlich ist, ob es Dinge gibt, die man an dem Album ändern könnte. Sicherlich gibt es immer Punkte, an denen man sagt, man hätte den einen oder anderen Punkt gern nochmal bearbeitet. Auf der anderen Seite kommt man aber auch oft in die Lage zu sagen, daß man froh ist, gewisse Dinge belassen zu haben, weil sie anders doch nicht besser geklungen hätten. Alles in allem bin ich sehr glücklich damit wie es ist und daß es immer noch eine Menge Menschen gibt, die ständig neue Dinge auf der Platte entdecken, was eigentlich in erster Linie die Intention war. Die Songs wachsen besonders live. Wir waren ja auch auf Tour, als "Primitive" gerade veöffentlicht war und damals klangen die Stücke manchmal noch recht komisch. Heute ist das anders, die Leute kennen die neuen Songs und so entwickelt sich eine viel bessere Atmosphäre. Ich freue mich auch schon darauf, am neuen Album zu arbeiten.

Und die Fangemeinde wird sich ebenso freuen, das neue Werk irgendwann hören zu dürfen. Die ersten Songs stehen bereits...

Ja, wir haben schon einiges an Material. Das beste am dritten Album wird sein, daß das Line Up zum ersten Mal wirklich fest steht. Musikalisch wird das ganze solider als die Vorgängeralben ausfallen, da wie gesagt die Musiker mittlerweile wirklich gut aufeinander eingespielt sind. Ich glaube, das dritte Album wird ein wenig sein, wie die erste Platte, ein wenig wie die zweite und ein wenig mehr wie etwas dazwischen, wenn Du verstehst. Ich werde definitiv versuchen, es interessant zu halten.

Schon zwischen den beiden ersten Platten gibt es merkliche Unterschiede. Meiner Meinung nach war das erste Album ziemlich laut und dreckig, wobei auf "Primitive" der Anteil wirklicher Musik merklich höher ist.

(Maxe lacht sich scheckig) Ja, da hast Du recht, das sehe ich genau so. Das erste Album wirkt ein wenig wie eine Jam-Session á la Jimmi Hendrix, es ist wirklich verrückt. Aber ich mag es wirklich, dieses lange Album mir seinen 15 Songs, die völlig unterschiedliche Stimmungen beschreiben. Wenn es mir damals nicht gefallen hätte, wäre ich wahrscheinlich auch nicht in der Lage gewesen, weiterzumachen. Ich glaube besonders auf dem Debüt gibt es sehr viele Stücke, bei denen die Leute realisiert haben, daß da immer noch derselbe Max Musik macht, wie er es auch schon bei Sepultura getan hat. "No Hope-No Fear" oder "Eye For An Eye" sind solche Songs. Wenn ich die Platte heute höre denke ich immer:"Wow, that´s wild shit!" Primitive ist weitaus kompakter, zwar sind die Songs untereinander sehr verschieden, dennoch ist es mehr ein zusammenhängendes Gesamtwerk als der Erstling.

Wenn man mal die musikalische Entwicklung eines Max Cavalera seit den frühen 80ern betrachtet, dann kommt man um Namen wie Ozzy Ozzbourne, Iron Maiden, Kreator oder auch Sodom nicht herum. Angefagen beim Trash Metal ist man heute jedoch in eine weitaus progressivere Richtung unterwegs...

Ich höre mir heute immer noch viel von dem alten Zeugs an. Manchmal greife ich mir alte CDs und versuche beim Hören die Mortive und das, was damals hinter der Musik stand herauszufinden. Das hilft mir dann auch beim Schreiben eigener Songs. Was heutige Einflüsse angeht, höre ich wirklich alles außer Country-Musik. Ich hasse Country-Musik, ich hasse Country-Musik wirklich...also wenn es eine Musikrichtung gibt, die ich wirklich nicht ausstehen kann, ist es Country-Musik, ich hasse sie! Ich weiß nicht, wie das hier bei Euch aussieht, aber bei uns in Amerika ist Country eine wirklich große Sache...groß und ekelhaft.

...also bei uns gibt es das eigentlich nicht im großen Stil...

(Max schaut mich neidisch an) You´re Lucky, man! Das ist richtig beschissene Redneck-Kacke. Ach und was ich auch überhaupt nicht mag, ist Techno, das ist auch wirklich übel. Aber bis auf diese beiden "Musik"-Richtungen (glaubt mir: die Anführungsstriche habe ich aus Max´ Unterton herausgehört...Anm.d.Verf) bin ich eigentlch recht offen. Ich kann mich in viele Stilrichtungen hineindenken, ob das Bossa Nova, Reggae oder Hardcore ist, sogar mit Klassik kann ich etwas anfangen, obwohl es genz ehrlich gesagt schwierig für mich ist, ein ganzes Klassik-Album am Stück zu hören. Dennoch inspiriert mich auch solche Musik.

Da liegt auch die Frage Nahe, welche Investition im Tonträger-Fachhandel zuletzt getätigt wurde...

Hmm...ich glaube, ich muß gestehen, daß die mir meine letzte Platte von unserem Schlagzeuger geklaut habe und zwar war das die erste EP von der Band Hellhammer "Apocalyptic Raids". Ich denke, er wird sie nie wieder sehen. Aber warte mal, das zählt ja nicht. Die letzte CD, die ich mir gekauft habe, war irgend so ein Dub-Sampler, Musik, die man auch nur in gewissen Dosen hören kann, ab zwei Songs steigt das Kopfschmerz-Risiko imens!

Nun ja, sicherlich hätten auch viele Menschen Probleme, sich kopfschmerzfrei durch eine Soulfly-Platte zu hören...

Ja, ich denke, die meisten Leute hätten schon nach einem Song eine verdammt dicke Birne! (lacht)

Soulfly, bzw. der Name Cavalera steht für ein Familienunternehmen, so sind auf jeder Tour Max´Kinder, seine Frau und seine Stief-Kinder dabei. Besonders der achtjährige Sohnemann Zyon fällt auf, wenn er mit Ohrenschützern am Bühnenrand seinem Papa beim ausrasten zusieht. Ich hatte in meiner Kindheit Angst vor harter Musik, den Cavalera´schen Sprößlingen scheint es zu gefallen.

Ja, das mit der Musik ging mir genau so. In dem Alter hatte ich andere Sachen im Kopf und habe lieber mit meinen Freunden Fußball auf der Straße gespielt. Meine Kinder wachsen allerdings komplett anders auf als ich. Zyon und Igor (Igor ist Max jüngster Sohn...Anm.d.Verf.) sind auf der Bühne mit dabei seit sie zwei Monate alt waren. Meine und ihre Kindheit könnten nicht unterschiedlicher sein, das weiß ich, aber es scheint ihnen großen Spaß zu machen. Sie genießen es, viel zu reisen und eine Menge von der Welt zu sehen. Zyon sitzt immer am Bühnenrand und trommelt die ganze Zeit für sich mit, im Moment will er Schlagzeuger werden.

Um Soulfly in musikalischer Hinsicht zu beschreiben, machen es sich immer mehr Kritiker leicht und drängen die Band in die New Metal-Ecke, wo man sich nicht sonderlich von anderen Acts wie Limp Bizkit und Co unterscheidet.

Ich denke, wir unterscheiden uns koplett von Bands wie Limp Bizkit. Vielleicht denken einige so über uns, weil wir auf der ersten Scheibe zum Beispiel mit Fred Durst zusammen gearbeitet haben. Ich glaube, jeder, der sich ein wenig mit unserer Musik beschäftigt, merkt ganz schnell, daß wir mit New Metal überhaupt nichts zu tun haben. Wir haben einfach einen völlig anderen Background als diese Bands, ich habe beispielsweise nie wirklich etwas mit Hip Hop am Hut gehabt, höre mir so etwas auch nur seltenst an. Die angesprochenen Bands allerdings ziehen sich den ganzen lieben Tag lang Hip Hop rein und mixen das ganze dann mit Metal. Sicherlich haben wir auch den einen oder anderen Rap-Part eingebaut, aber das ist wirklich selten und ich habe immer versucht, den Metal-Part in den Vordergrund zu stellen. Unglücklicherweise merken daß einige wohl nicht und unterstellen uns diesem stereotypen Image. Letztendlich ist mir das aber egal und ich denke, daß unsere Fans wissen, woran sie sind.

Es ist schon abgefahren, daß Limp Bizkit vor 3 Jahren noch als Support-Band mit Soulfly auf deren erster Welttour unterwegs waren. Nur aus irgend einem Grunde stiegen Fred Durst und seine Kollegen noch vor Tourende aus.

Limp Bizkit waren mit uns für drei Wochen in Europa. Und um ehrlich zu sein, kamen die Jungs beim Publikum einfach scheiße an, die Leute mochten sie einfach nicht, hatten überhaupt kein Interesse. Wir haben versucht, ihnen eine möglichst angenehme Tour zu bieten und haben immerhin auch für all ihr Catering bezahlt. Und als wir dann in Schweden waren, sind die Jungs einfach nach Hause gefahren. Ich habe zwar kurz vorher noch versucht, das Blatt zu wenden, habe Fred immer auf die Bühne geholt um "Bleed" mitzusingen, aber das hat nichts geändert. Ich denke, sie hätten auf jeden Fall die Tour noch mit beenden sollen, aber sie haben sich nicht davon überzeugen lassen. Ich habe da eine geringfügig andere Einstellung. Wir haben auch schon vor Menschen gespielt, die uns nicht sehen wollten. Das beste ist, das Publikum in solchen Momenten einfach zu ignorieren und trotzdem einen bestmöglichen Gig abzuliefern.

Heute lebt Max ein paar tausend Kilometer von seiner Heimat entfernt in Phoenix/Arizona. Das Heimweh packt ihn eher selten, trotzdem fühlt er sich mehr als Brasilianer.

Ich bin in regelmäßigen Abständen in Brasilien und bleibe dann auch für eine gewisse Zeit. Komplett zurückgehen werde ich in absehbarer Zeit aber nicht, nicht bevor ich nicht alt und grau bin. Ich will, daß meine Kinder erst erwachsen sind und auf eigenen Füßen stehen. Aber wenn ich alt bin, gehe ich vielleicht zurück. Ich mag besonders den Norden Brasiliens. Die Leute dort sind sehr bodenständig und scheren sich einen Dreck um Geld oder Status. Die meisten von ihnen sind einfache Leute, Fischer und Bauern und denen ist es egal, ob du Rockstar bist oder nicht, es interessiert sie einfach nicht. Ob Du Rockstar bist, oder Arzt oder ein einfacher Bauer, das macht absolut keinen Unterschied. Ich mag diese Einstellung. Ich fühle mich auch nach wie vor eher als Brasilianer und nicht als Amerikaner, obwohl ich mir sicherlich einen Lebensstil angewöhnt habe, der sich eher an anderen Ländern orientiert. Mein Vater war ein Diplomat und vielleicht bin ich auch so etwas allerdings in musikalischer Hinsicht. Ich sehe viele Länder und vermittle auch ein Stück brasilianische Kultur.

Daß Max mit seinem Land und besonders mit den politischen aber auch den geistlichen Geflogenheiten nicht immer konform gegangen ist, wissen wir. Zu früheren Sepultura-Zeiten wurde nicht gerade zimperlich über den Klerus gewettert, und Max hatte schon immer Probleme damit, in Brasilien mehr Kirchen als Häuser zu sehen. Das neuste Soulfly-Album allerdings ist laut Booklet Gott gewidmet.

Wenn Gott nach Brasilien käme, wären die Kirchen das letzte wo er hingehen würde, weil dort die ganzen Heuchler sitzen. Er würde in die Slums gehen. Manchmal würde man am liebsten Bomben auf die Kirchen schmeißen, weil die Geistlichkeit in Brasilien nichts anderes tut, als die gläubigen Menschen abzuzocken und allein zu lassen. Ich glaube, daß diese heuchlerische Art nicht das ist, was Gott möchte und deshalb bin ich ein Rebell gegenüber der Institution Kirche geworden. Wenn ich in eine Kirche komme, um Ruhe zu finden oder mit Gott zu reden und ich werde aufgrund meines Aussehens fast wieder herausgeworfen, dann verstehe ich das nicht. Ich glaube, Gott hat mir viel Kraft gegeben, ansonsten wäre ich vielleicht nicht hier. Ich höre auch nicht auf, an ihn zu glauben, nur weil ich mit der Institution nicht klar komme. Gott und Kirche sind für mich zwei sehr verschiedene Dinge. Das Kozept Kirche ist ziemlich verrückt. Es ist total egal, ob man zur Kirche geht oder nicht, wenn man wirklich und ehrlich glaubt, kann man ebenso gut überall anders mit Gott reden. Die meisten Leute gehen am Sonntag morgen zur Kirche, damit sie gesehen werden, damit sie sich gut fühlen und ein reines Gewissen haben, sie kommen nicht für Gott. Sicherlich kann ich nicht für alle Menschen sprechen und bestimmt gibt es auch ehrliche Ausnahmen, aber zum großen Teil ist es sicher so und so kann es doch einfach nicht funktionieren.

Max Cavaleras Lebensphilosophie....

Ich denke, meine Existenz auf Erden hat einen handfesten Grund und ich versuche dem gerecht zu werden. Ich schaue nicht zurück, sondern versuche, das beste für die Gegenwart zu tun. Ich bin definitiv nicht der beste Musiker und ich bin definitiv nicht der beste Sänger, das ist die Wahrheit. Ich bin mehr als dankbar, daß ich trotzdem so viel erreicht habe. Ich will niemals mehr nehmen, als ich eigentlich verdient habe, und deswegen will ich wirklich hart arbeiten, um meinem Erfolg gerecht zu werden. Es gibt unzählige Menschen, die besser sind als ich und viele von ihnen spielen in Bars oder Cafés. Vielleicht sind sie glücklich damit, vielleicht auch nicht. Ihnen widme ich meinen Erfolg. Ich habe wirklich viel erreicht, dafür bin ich unendlich dankbar und dafür lebe ich weiter. Das ist eine gute Motivation.

Motivation wofür? Es würde mich wirklich interessieren, welche Ziele da noch offen bleiben...

Wenn Du alles erreicht hast, ist es vorbei. Bob Marley hat mal gesagt:" Wenn es vorbei ist, wirst Du es merken, etwas wird mit dir passieren." Und ich bin der Meinung, das hat auch in seinem Falle zugetroffen. Sicherlich könnte man jetzt darüber streiten, ob er nicht vielleicht zu jung gestorben ist und ob er nicht mehr hätte erreichen können. Darüber zu diskutieren maße ich mir nicht an, weil Gott ihn zu sich geholt hat, und das wird seine Gründe gehabt haben. Ich glaube, er hat zu Lebzeiten all das erreicht, was er erreichen konnte. Und ich lebe genau so. Ich versuche von Zeit zu Zeit das zu erreichen, was mir die Zeit ermöglicht. Ich bin mir ziemlich sicher, daß man es merkt, wenn es vorbei ist. Wie es dann weitergeht weiß ich nicht. Entweder man stirbt oder man hört einfach auf das zu tun, was man getan hat.

Auch für mich war es Zeit, aufzuhören, denn aus 15 Minuten, die man uns für das Interview zugesagt hatte, wurden zwar 40 Minuen, aber auch die vergingen wie im Fluge. Danke Herr Cavalera!! (cs)
 
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