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15.07.2003 Soulfly
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"Es ist gut, zurück in Deutschland und auf dem With Full Force Festival zu sein," rattert Max seine Standard-Antwort auf meine Standart-Frage herunter, wie es sei, das WFF nach zwei Jahren erneut zu headlinen. "Wir haben ja bereits vor zwei Jahren hier gespielt und das war großartig. Seit dem letzten Gig haben wir ein weiteres Album gemacht und waren fast ein Jahr zusammen unterwegs, was uns vor allem spielerisch voran gebracht hat. Wir freuen uns auf die Show heute Abend!"
Das vergangene Jahr war anstrengend und ereignisreich. Die live-Aktivitäten zu letzten Album laufen immer noch und sind nach wie vor nicht abgeschlossen. "Die letzte Tour war die längste meiner gesamten Karriere. Einer der Höhepunkte war sicherlich, in Ländern zu spielen, in denen ich noch nie zuvor war; Estland, Bulgarien, Finnland und Mazedonien beispielsweise. Wir reisten außerdem zum ersten Mal nach Griechenland und Australien. In der nächsten Zeit stehen noch ein paar Auftritte in Südamerika an. In Kolumbien werden wir bei einer Free-Show auftreten, zu der die Veranstalter 100000 Leute erwarten. Danach ist dann aber auch endlich Schluß und wir beginnen mit den Arbeiten an der neuen Scheibe, die wahrscheinlich im März nächsten Jahres in die Läden kommt." Das dritte Album, schlicht mit "3" betitelt, ist bereits ein Jahr alt. Für mich das beste Sepultura-Album seit Roots und auch Max kann auch mit ein wenig Abstand immer noch voll zufrieden sein." "Die Reaktionen auf die Scheibe waren überwältigend," freut sich Max und scheint langsam aufzuwachen. "Wir haben mit jedem Album immer mehr zu unserer eigenen Identität gefunden. Sicher gibt es immer Dinge, die man, mit etwas Abstand betrachtet anders hätte machen können. Das geht mir sogar bei "Roots" so. Aber letztendlich sind wir mit allen Alben zufrieden, denn sie spiegeln die Zeiten wieder, in denen sie aufgenommen wurden. Aus diesem Grunde freue ich mich auch so sehr auf die neue Platte. Wir arbeiten gerade an einem Song, der ganz verschiedene Elemente in sich birgt. Zum einen hört man die typischen Tribal Sounds aber dann endet das Stück auf einmal in einen schweren Hellhammer-ähnlichen Part, was meine Wurzeln besonders gut zum Ausdruck bringt. Heavy Shit! Aber wie gesagt, es gibt noch einige Gigs, die gespielt werden müssen und ich schreibe ungern Songs auf Tour." Max ist Soulfly. Niemand nimmt wirklich sonderlich Notiz von den anderen Musikern, selbst wenn deren Fähigkeiten über jeden Zweifel erhaben sind. Auch beim Songwriting-Prozess ist Cavalera oftmals Einzelgänger. "Ich mache viel allein, obwohl ich es auch liebe, im traditionellen Sinne zusammen mit der Band zu Jammen. Egal wie groß eine Band ist, sie sollte immer wieder in ihre Garage gehen um zusammen zu spielen. Auf dem letzten Album ist einiges in Proberaum-Sessions entstanden, anderes habe ich allein zu Hause geschrieben und dann mit den Jungs ausgearbeitet. Ich liebe die Band. Roy ist ein unmenschlich guter Drummer. Wenn ich ihm sage, er soll einen Mörder-Hardcore-Part spielen und gleich darauf Reggae, dann macht er es. Ich könnte das nicht. Marcello (Bass) und Mike (Gitarre) sind ebenfalls verdammt gute Musiker und geben mir die Sicherheit, die ich brauche." Trotz der starken Kapelle hat Mr. Cavalera auch immer wieder auf Gastmusiker zurück gegriffen. Der Kreis von musikalischen Traumpartnern wird allerdings immer kleiner. "Da sind nicht mehr sonderlich viele Musiker, mit denen ich unbedingt zusammen arbeiten möchte. Es gibt einen brasilianischen Sänger namens Caetano Veloso, mit dem ich gern einmal etwas machen würde. Er ist schon älter, eine Legende und ich respektiere ihn wirklich. Ich mag seine Art zu singen, er hat keine von diesen 08/15-Stimmen. Fans fragen mich, warum zum Teufel ich mit so einem Menschen zusammen arbeiten will und nicht mit Ozzy. (lacht. - Anm.d.Verf) Mir geht geht es dabei um mich als Fan. Ich höre auch andauernd: "Bitte nimm nicht wieder Fred Durst auf dein Album," was ich ganz schön eigenartig finde. Als ich damals mit Fred gearbeitet habe, waren Limp Bizkit eine Underground-Band und jetzt sind sie groß und werden gleichzeitig von vielen Leuten gehaßt. Einige meiner Fans reagieren deshalb ein wenig merkwürdig, was ich auf der anderen Seite auch verstehen kann, denn Limp Bizkit sind nun mal Kommerz pur. Ich mag musikalische Kooperationen. Einen Song mit Tom Araya aufzunehmen, war beispielsweise echt eine abgefahrene Sache und hat mich in die Old School Metal- und Sepultura-Zeiten zurück versetzt." Max Cavalera wird von vielen heute schon als der neue Ozzy Osbourne gehandelt. Kein Wunder, wenn man sich mal die Lebenserwartung des Mannes vor Augen hält, die selbst ein Laie auf nicht mehr als zehn Jahre schätzen würde (versteht mich nicht falsch, ich verehre den kaputten Engländer). Max betrachtet diesen Vergleich eher nüchtern. "Die Menschen neigen zu solchen Vergleichen. Ich bin ein sehr eigenständiger Typ. Ich komme aus Brasilien und versuche originell zu sein. Ich versuche, niemanden zu kopieren, sondern der Musikszene etwas Neues zu bringen. Mit Sepultura und Soulfly ist mir das -denke ich- ziemlich gut gelungen. Wir haben das Gesicht des Metal in den letzten zwanzig Jahren mitgeformt. Es ehrt mich, mit einer Legende wie Ozzy verglichen zu werden, aber ich denke nicht viel darüber nach. Mir ist einfach nur die Musik wichtig, die ich mache." Soulfly und Sepultura als Mitbegründer der sogenannten New Metal-Szene zu nennen ist sicherlich Pflicht. Alben wie Roots setzten Standards und werden heute noch kopiert. Die Musik von Soulfly ist eine konsequente und vor allem eigenständige Weiterführung dieser Elemente. "Unsere Musik ist eine Kombination aus seichten, melodischen und harten Elementen. Die Kombination von spirituellen, ruhigen Einflüssen und wirklich harter, aggressiver Musik ist schon eigenartig und normalerweise würde man denken, dass diese Mischung nicht funktionieren kann. Entweder ist man eine Death Metal-Band, nämlich nur negativ, oder man ist eine Reggae Band, nur positiv. Wir sind beides und das liebe ich an Soulfly. ´Downstroy´ beispielsweise ist ein wirklich aggressiver Song, ´Tree Of Pain´ hingegen hat beides. Ich habe keinen Namen oder eine Kategorie für unsere Musik und ich denke auch nicht, dass wir New Metal sind, wir haben lediglich eine Menge Fans aus dieser Szene. Auf der einen Seite siehst Du auf unseren Shows Kids mit Deftones- und Slipknot-Shirts, auf der anderen Seite tragen die Leute Shirts von Slayer und Celtic Frost. Wir sind irgendwo in der Mitte." Max war schon immer eine politisch interessierte Person, permanent auf Probleme von Minderheiten und seinem brasilianischen Volk aufmerksam machend. Priorität hat heute allerdings die Musik. "In dieser komplizierten Welt kannst Du selbst als halbwegs bekannter Musiker nicht viel ausrichten und ganz ehrlich gesagt, möchte ich heutzutage auch nicht mehr wirklich in diese ganzen politischen Geschichten verwickelt sein. Sie sind zu komplex. Zu dem Zeitpunkt, als ich "Primitive" schrieb, hatte ich endgültig die Nase voll. "Back to the primitive, fuck all your politics!” Politik und Musik passen doch nicht so gut zusammen, wie ich immer dachte. Im Prinzip weiß ich viel zu wenig darüber, um meine Meinung zu sagen. Alles ist so konfus. Im einen Moment denkst du, die Bomben auf Bagdad wären falsch und keine Lösung, im nächsten Moment fängst du an zu zweifeln. Ich bin heute viel mehr Musiker, als ich es früher war. Vielleicht enttäuscht das einige Leute, aber mir ist die Musik nun mal am wichtigsten. Als ich vor 20 Jahren anfing, wollte ich nur Musik machen, zwischenzeitlich bin ich in Situationen gekommen, die es für mich unausweichlich gemacht haben, mich zu politischen Themen zu äußern. Heute kann ich 24 Stunden am Tag für die Musik leben und das war immer meine Vision." Um Musik und politische Interessen zu trennen, gibt es andere Medien, aber ein Buch zu schreiben, darüber hat Massimiliano Cavalera noch nicht nachgedacht. "Ich habe es nie wirklich in Betracht gezogen, ein Buch zu schreiben. Letztes Jahr gab es drei Spoken-Word-Sessions in Amsterdam, Belgien und New York. Nur das Publikum, ein Mikrofon und ich. Wir haben über alle möglichen Dinge gesprochen, es gab kein besonderes Thema. Das ist meiner Meinung nach ein besseres Ventil, auch über politische Interessen zu reden. Es hat mir unheimlich Spaß gemacht und eventuell gibt es nächstes Jahr mehr davon. Meine Interessen abseits von der Gitarre konzentrieren sich eher auf die Gestaltung der T-Shirts und beispielsweise das Artwork. Ich bin kein Fan vom CD-Kopieren. Ich mag es, durch das Booklet zu blättern und mir die Texte durchzulesen, deshalb habe ich bei uns auch einen großen Anteil daran." Auf meine Frage, was das schönste Erlebnis des letzten Jahres gewesen sei, muss Max nicht lange überlegen und auch die lustigste Anekdote ist schnell hervor gekramt. "Einer unserer Roadies bekam mit, wie wir uns in Moskau über Kommunismus und Lenin redeten. Wir wollten uns das Mausoleum ansehen und darauf sagte er verwundert:"Echt? Ich wusste gar nicht, dass John Lennon hier begraben ist!" Unsere Roadies können manchmal wirklich ein wenig stumpf sein. Das schönste Erlebnis auf der Tour war, in Mazedonien zu spielen. Viele Fans dort sind mit meiner Musik aufgewachsen und haben mich weder mit Sepultura noch mit Soulfly live gesehen. Die Reaktionen waren überwältigend." Max ist wach, seine Augen leuchten und er lächelt, als er mir von den letzen Wochen auf Tour berichtet. Leider ist unsere Gesprächszeit zuende, die nächsten Interviewpartner warten und so bleiben viele Fragen unbeantwortet. Schade, denn gerade war der erst so reservierte Wahlamerikaner zur Höchstform aufgelaufen. (cs) |
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