Interview

28.08.2003 Phillip Boa
 
Die Nachricht schlug unter den treuen Fans von Phillip Boa wie eine Bombe ein: Sechs Jahre nach der Trennung von Sängerin und Lebensgefährtin Pia Lund kehrt die frühere Mitstreiterin endlich wieder in den "Voodooclub" zurück, der sich seit ihrem Weggang nach einer Abschiedstournee im Jahr 1997 völlig verändert hat. Und auch die Musik des charismatischen Sängers, Gitarristen und nicht zuletzt Songwriters hatte in den letzten Jahren neue Wege eingeschlagen, immer weiter weg von Songs wie "Container Love", "This Is Michael", "Laughing Moon", "Annie Flies The Love-Bomber" oder "Love On Sale", die mittlerweile zu Klassikern geworden und aus dem Repertoire Phillip Boas nicht mehr wegzudenken sind. An die lange Tradition der eingängigen, von Pia Lunds Stimme maßgeblich dominierten Stücke, die sofort zum Mitsingen animieren, knüpft nun endlich das neue Album "C90" an, das am 1. September bei RCA Victor erscheint und von der BMG vertrieben wird. Die Scheibe klingt wieder viel lebenslustiger und einprägsamer, als das vor allem bei den letzten beiden Veröffentlichungen der Fall war, und dürfte damit das Zeug zu einem echten Boa-Revival haben. Den scheinbar ewig jung bleibenden "Ex-½ -Popstar" - wie sich Boa auf dem Album selbst bezeichnet - traf Klaus-Peter Kaschke wenige Tage vor Veröffentlichung des Albums in der altmodisch-kuscheligen Lobby des Hotels "Askanischer Hof" am Berliner Kurfürstendamm, wo er sich mit Phillip Boa nicht nur ausführlich über das neue Werk unterhalten konnte.
Wie kam es letztlich zu der nicht mehr für möglich gehaltenen Zusammenarbeit mit Pia?

Ich hatte etwa 30 Songs, und auf der Hälfte sangen meine Ex-Live-Sängerin Alison Galea von den "Beangrowers" und Kristina Davis-Barrett. Allerdings fehlten mir auf etwa 15 Songs die Stimmen, und ich habe gedacht, dass ich Pias Stimme irgendwie vermisse. Sie kann bestimmte Gefühle wie Heimweh, Sehnsucht, Melancholie, Traurigkeit oder Schönheit besonders gut transportieren. Es hat mich dann einige Telefonanrufe gekostet, um sie zu animieren, nach Malta zu kommen und die Stücke einzusingen. Ich durfte beim Singen auch nicht dabei sein, nur hinterher ein paar Mal korrigieren. Danach ist sie wieder mit David (Vella, Produzent des Albums sowie Keyboarder und Gitarrist des "Voodooclubs", Anm. von Klaus-Peter Kaschke) ins Studio gegangen und hat die Stücke nach meinen Korrekturen eingesungen. Die Magie war eigentlich sofort wieder da. Fand ich.

Sind die jahrelangen Reibereien zwischen dir und Pia nun endgültig aus der Welt?

Wir arbeiten in diesem Jahr zusammen, was danach ist, weiß keiner. Ob Pia dann noch einmal mitmacht, steht in den Sternen. Im Moment ist es erst einmal eine wunderbare Zusammenarbeit, musikalisch und künstlerisch. Privat ist da eher so eine Art Hassliebe vorhanden: Man liebt sich irgendwie noch, weit weg, aber im Prinzip streitet man sich weiter, wenn man sich sieht.

Das ganze Album wirkt insgesamt viel aufgeräumter und relaxter als die beiden Vorgänger "My Private War" oder "The Red". Liegt das an Pia - oder ist einfach nur die oftmals angekündigte Phase der Selbstzerstörung des musikalischen Lebenswerkes von Phillip Boa überwunden?

"My Private War" war eher ein Alterswerk, auf den Spuren von Lou Reed, Paul Weller oder Leonard Cohen. Das Album, das die Selbstzerstörung meiner Person und meiner Karriere wirklich ausdrückt, war eigentlich "The Red". Sehr heftig. Die Single war praktisch im Radio - selbst für verrückte Formate - nicht spielbar. Es war halt das Ende und der Anfang einer neuen Phase. Ich fühle mich nun freier und entspannter und habe endlich auch keine Angst mehr vor Melodien. Das Album "C90" muss man sich trotzdem erarbeiten; man merkt das besonders an der Single, die läuft erst einmal ein bisschen an einem vorbei. Nicht so extrem, aber doch ähnlich ist das mit dem ganzen Album. Dann entdeckt man eine Menge Liebhaberei, Romantik und schöne Geschichten mit vielen Melodien, die dann hoffentlich für die Ewigkeit halten.

Klingt auch nach der ungetrübten Hoffnung auf einen kommerziellen Erfolg des Albums…

Naja. Die Höhe der Plattenverkäufe nimmt für mich genauso ab wie für alle anderen Künstler, weil der Markt einfach übersättigt ist. Die Plattenindustrie hat den Markt kaputtkommerzialisiert, weil eine gesamte Generation von Käufern ausfällt, die die Musik nicht mehr liebt. Ich leide unter der Verkleinerung des Marktes der Plattenverkäufe genauso wie jeder andere Künstler.

Auch bei den Konzerten?

Da bin ich echt überrascht, dass die eigentlich immer voll sind, obwohl wir nach wie vor in relativ großen Clubs spielen. Das ist das, was mich auf der einen Seite so stolz macht und auf der anderen Seite davon abhält, aufzuhören. Weil es einem doch eine Menge gibt, wenn man merkt, dass man eine gewisse Bedeutung hat…

Aber du standest in deinem Leben mehrmals vor dem Entschluss, alles hinzuwerfen?

Es kommt immer auf die Stimmung an, auf den Tag. Wenn ich mich nicht gut fühle, kann ich auch schon mal sagen, ich will aufhören. Jedes Album kann das letzte sein - oder auch nicht. Ich möchte das auch gar nicht so negativ sehen: Es gibt so viele Dinge für mich zu veröffentlichen, die irgendwie noch im Archiv- und dem Remixbereich zu finden sind, oder Songs, die unvollendet liegengeblieben sind und die man noch verwenden kann.

Aber nur im musikalischen Bereich - oder hast du noch andere Vorlieben?

Vielleicht gibt es irgendwann einmal ein Format, dass man mit einer Art Buch verknüpfen kann. Ich möchte nur nicht, dass ein Buch offiziell als Roman veröffentlicht wird, weil ich Angst habe, nicht gut genug zu sein. Als Romanautor werde ich gemessen an den Besten, und davon gibt es in Deutschland eine Menge. Auf den Wettbewerb möchte ich mich lieber nicht einlassen.

Aber dein Lieblingsautor ist kein dennoch Deutscher?

Das ist nach wie vor Anthony Burgess ("Clockwork Orange", "Fürst der Phantome", Anm. von Klaus-Peter Kaschke) sowie ein noch lebender Schriftsteller namens Thomas Pynchon ("Gravity’s Rainbow", "Mason & Dixon"), ein Amerikaner, der es geschafft hat, sich seit vierzig Jahren vor der Öffentlichkeit zu verstecken. Keiner weiß so Recht, wo er ist. Das ist total genial!

Du hast lange Jahre auf Malta gelebt und gearbeitet. Warum gerade Malta?

Ich lebe sehr gern auf Malta, und ich lebe auch sehr gern im Ruhrgebiet. Seit einiger Zeit bin ich nicht mehr ganz so oft auf Malta als noch vor fünf oder zehn Jahren. Ich liebe die Insel immer noch - wegen ihrer kaputten Schönheit und der Widersprüche. Allerdings bin ich aber auch gern in Deutschland, speziell im Ruhrgebiet. Von diesen beiden Punkten aus versuche ich die Welt zu erforschen und davon in meinen Liedern zu berichten.

Du bist immer auch ein sehr politischer Mensch gewesen, der seine Botschaften allerdings nie direkt vermittelt, sondern vielmehr stark verklausuliert in die Songs eingebaut hat. Wir leben - mehr denn je seit vielen Jahrzehnten - in einer Welt voller Krieg und Terror. Gibt es Hoffnung?

Die Phase der Apokalypse - dass es keine Hoffnung mehr gibt, dass alles düster ist und dass wir auf das Ende zusteuern - habe ich hinter mir gelassen. Ich lebe eher nach dem Prinzip Hoffnung: Ich glaube an das Gute und daran, dass alle Krisen von der Menschheit bewältigt werden können. Wir sehen alle die Fehler der einzigen Großmacht USA, die ständig gemacht werden - aber gerade wir haben nicht unbedingt das Recht, permanent zu kritisieren, wo wir vor nicht einmal 60 Jahren Millionen und Abermillionen von Leuten umgebracht haben. Wir dürfen uns nicht immer und überall aufspielen als die großen Kritiker der Weltpolitik. Was viele meiner Kollegen bei MTV abgelassen haben, war einfach viel zu simpel, doch die Welt ist komplex. Wenn man die wirtschaftlichen, politischen, religiösen und ethnischen Zusammenhänge im Nahen Osten ernsthaft analysiert, wird man feststellen, dass das Problem wahrscheinlich unlösbar ist. Die Amerikaner versuchen ja, es zu lösen, sie machen es nur falsch. Aber mit Standardantworten und simplen Botschaften ändert man auch nichts. Das ist das, was ich mit meinen Texten auszudrücken versuche, aber eben verklausuliert, um es auf poetische Weise rüberzubringen.

Derart versteckte Botschaften versteht ja kaum noch jemand. Wen willst du damit ansprechen - hast du da eine bestimmte Gruppe von Zuhörern vor deinem geistigen Auge, wenn du deine Songs schreibst?

Das darf ich nicht haben, weil es mich zu sehr beschränken würde. Das kann jeder sein, der aus der großen Masse herausragt und bereit ist, sich bekehren zu lassen - allerdings nicht mit dem, was ich denke. Meine Botschaft lautet: ‚Leute, glaubt nicht alles, was in der Zeitung steht, schaut hinter die Kulissen, stellt alles in Frage, seid misstrauisch. Und lasst euch nicht anlügen!’ Eigentlich möchte ich dazu beitragen, die Leute zum Denken zu bringen, eigentlich zum Querdenken, um sie Welt mit anderen Augen sehen zu lassen.

Womit du versuchst, das auf die Zuhörer zu übertragen, was dich dein Leben lang geprägt hat…

Wenn ich irgendein Buch lese, sei es von Anthony Burgess, Thomas Pynchon, sei es von Thomas Mann oder von Heinrich Mann, versuche ich, dieses Buch zu verstehen und - wenn es mich beeindruckt - dann die Lehre daraus zu ziehen, um sie weiterzugeben. Aber eben nicht auf eine belehrende, sondern auf poetische Art. Durch meine Songs und ihre Texte, aber auch durch die Untermalung durch die Musik. All das, was ich in der Zeitung lese, was ich im Fernsehen sehe, meine Beobachtung der Menschen, versuche ich weiterzugeben. Dabei muss ich authentisch bleiben, darf mich nicht kaufen lassen - und passe damit nicht so richtig in die Zeit. Ich mache keine Werbung für Fleckenzwerge oder Reno-Schuhe oder wie David Bowie für Microsoft oder Intel. Wenn ich das machen würde, hätte ich nicht mehr die Berechtigung, das zu sagen, was ich eben gesagt habe. Es geht um das Querdenken, auch in der Politik. Egal, welche Partei, von PDS bis CSU: All die Leute kann ich deshalb kritisieren, weil das, was sie sagen, nur darauf abzielt, die nächsten Wahlen zu gewinnen. Das ist mir alles viel zu klischeehaft, zu vorhersehbar. Du weißt dann schon immer, was am nächsten Tag in der Zeitung steht, das brauchst du dann nicht einmal mehr zu lesen. Ein anderes Denken, aus einer anderen Perspektive - als Linker mal nach rechts zu schauen und als Konservativer auch mal nach links - das wäre so wichtig. Selbst wenn ich einen Lieblingspolitiker hätte, würde ich ihm auch nicht alles glauben, was er sagt. Und genau das versuche ich meinem Publikum irgendwie beizubringen. Wobei es eben auch ganz einfach zu meiner Tätigkeit gehört, schöne Lieder zu schreiben…

Wofür dich dein Publikum heiß und innig liebt…

Das Publikum möchte Pop-Musik, und die bekommt es auch. Es hat doch keinen Sinn, nur Avantgarde-Stücke mit teilweise unverständlichen und zu bildhaften Texten wie beim letzten Album zu produzieren, und kein Mensch will sie schließlich hören. Ganz anders eben solche Songs wie "Container Love" oder die Fortsetzung "Love On Sale", die die Leute mitsingen können. Ebenso wie bei "Johnny The Liar" geht es dabei um reale tragische Figuren, um Menschen, die anders sind als wir und deren Vermächtnis ich mit den Songs am Leben erhalten möchte. Jeder kann und sollte für sich selbst herausfinden, was er aus den Songs herauslesen möchte. Ich habe zahlreiche Texte, die man sehr ambivalent betrachten kann, gerade auf dem letzten Album.

Der Titel des Albums lautet "C90" - und soll eine Hommage an die "gute alte 90er Kassette" sein. Wieso das denn, wer weint der auch nur eine Träne nach?

Ich! Im Prinzip will ich "der Kassette" ein Denkmal setzen. Es gibt keine Rock- oder Pop-Alben mehr, die heute noch als Kaufkassetten veröffentlicht werden, nur noch Kleinkinderkassetten für die kleinen bunten Abspielgeräte. Dabei haben die Kassetten als Speichermedium einmal eine ganz wichtige Rolle gespielt: Durch die Kassetten sind die Leute erstmals zu ihren eigenen DJs geworden, konnten sich ihre Musik, die sie gern hören wollten, selbst zusammen stellen. Ich höre heute noch im Auto Kassetten - selbstgemachte Tapes von CDs, aber auch von verschiedenen Songs aus dem Radio. Und mit denen befasse ich mich dann auch, weil ich im Auto Zeit habe.

Die Musikindustrie bricht in regelmäßigen Abständen ins Wehklagen aus, wenn es um das Kopieren von Musik und insbesondere das Downloaden aus dem Internet geht. Früher ist doch auch kopiert worden, eben auf Kassette. War das für die Verkäufe weniger schädlich?

Ich sehe das Downloaden nicht so dramatisch. Das ist eine super Ausrede für den Niedergang der Plattenindustrie, eine einfache Entschuldigung dafür, dass kein Mensch mehr Platten kauft. Dabei hat sich die Musikindustrie durch ihre eigene Oberflächlichkeit und die Vereinheitlichung des Musikgeschmacks eine ganze Generation herangezogen hat, die keine Platten mehr kauft, bestenfalls noch, wenn sie mal Lust haben. Aber die lieben die Musik nicht mehr. Und wer die Musik nicht liebt, kauft die Platten nicht. Die größte Kaufgeneration zwischen 14 und 22 ist einfach nicht mehr existent, und das ist das Problem. Es fehlt der ideologische Überbau.

Gibt es denn noch irgendwelche Künstler aus deiner Jugend, die du heute noch verehrst?

Kurt Cobain gehört zweifelsohne dazu, für den ich den Song "Courtney Love Why Not" aufgenommen habe. Das leichteste Lied der ganzen Platte, in dem es um diesen völlig widersprüchlichen Popstar und seine Witwe geht. Kurt Cobain, der meiner Meinung nach ein großartiger Songwriter war und der sich umgebracht hat, weil er wusste, dass er musikalisch immer an "Nevermind" gemessen werden würde, und dass er damit in seinem Leben nicht mehr glücklich werden würde. Dann David Bowie, obwohl mir an ihm nicht gefällt, dass er so viel Werbung macht, aber musikalisch respektiere ich ihn auf jeden Fall immer noch. (kpk)

 
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