Interview

01.09.2002 Megaherz
 
"Journalisten sind grundsätzlich schlecht vorbereitet, übelriechend und sehen scheiße aus." Mit diesen netten Worten begrüßte mich MEGAHERZ-Fronter Alexx, der mit seiner Truppe Minuten zuvor einen wirklich gelungenen Auftritt auf dem Westerwälder "FUN AND CRUST-Festival" hingelegt hatte. Das Metal Inside wollte dieser trefflichen Beschreibung der kritzelnden Zunft in keinster Weise widersprechen, schenkte dem Germanistik- und Geschichts-Studenten einfach mal Glauben und notierte folgendes interessante Gespräch, während dessen Alexx ziemlich schnell in Fahrt kam...
Wie kommt´s, dass Ihr eine Woche nach Wacken auf einem vergleichsweise kleinen Festival spielt?

Das hat keinen besonderen Hintergrund - unser Management wurde angerufen, man fragte nach, und schon halten wir Bayern hier die weiß-blauen Farben hoch.

Und wie war Wacken für Euch? Schließlich musstet ihr zeitgleich zu Savatage ran.

...und die haben wirklich einen Heidenlärm gemacht auf der Hauptbühne; wir mussten uns ganz schön anstrengen. Aber es hat Spaß gemacht - und es waren sogar weiß-blaue Fahnen im Publikum! Aber das nächste Mal möchte ich schon auf der Hauptbühne spielen, is´ schon klar, gell?

MEGAHERZ beim W:O:A - wie passierte das?

Das war zwar ein ziemliches Last-Minute-Ding. Wir wollten dort aber schon immer mal spielen und haben uns das natürlich nicht entgehen lassen. Viele unserer Fans hatten sich immer wieder beschwert, warum wir da nicht auftreten würden - Du siehst, wir haben also auch einige Metaller in unserem Dunstkreis, obwohl ich ja gerne meine Scherze über diese Spezies treibe, was viele Metaller oft nicht so gut vertragen. Aber mein Gott, in Wacken hat´s geklappt, hier hat´s geklappt - so lang´s funktioniert...

Ich persönlich fand Deine Ansagen ausgesprochen gelungen. Vielen geht anscheinend die Fähigkeit ab, ein wenig über sich selbst schmunzeln zu können. Siehst Du MEGAHERZ denn nicht als Metal-Band?

Wir sind eine Rock-Band.

Hm, Ihr habt verzerrte Gitarren, tiefen Gesang, dröhnenden Bass, fettes Drumming und Rhythmus ohne Ende - was bräuchte eine Combo denn noch, um bei Dir als metallisch durchzugehen?

Wir haben z.B. keine Double-Bass-Parts, keinen Eunuchen-Gesang und keine Sieben-Minuten-Soli. Schau, die Frage "Wo hört der Rock auf und wo fängt der Metal an?" ist doch uralt. Und es ist doch eigentlich auch wurscht. Ich betrachte uns halt nicht als Heavy Metal-Band. Ich bin lieber in ´ner Rock-Band, denn mal ist es bei uns schnulziger, mal härter, mal gibt´s einen Marsch-Rhythmus und mal ist es funkiger. Iron Maiden wird Dir kaum Funk- oder Marschrhythmen bieten. Heavy Metal, das sind für mich Maiden, Priest, Accept & Co.. So klingen wir nicht, und deshalb sind wir in meinen Augen keine Heavy Metal-Band.

Hm...

Pass auf, ich steh´ halt nicht so auf Schubladen. Metal ist ein Teil der Rockmusik. Für die einen sind wir Metal, für die anderen Neue Deutsche Härte, für die nächsten nur Popmusik - ist mir doch scheißegal, so lange es demjenigen gefällt!

Du standst noch vor wenigen Minuten auf der Bühne und hast Dich - mit einem zwinkernden Auge - ein wenig über das klassische Metal-Publikum lustig gemacht. Läufst Du nicht Gefahr, damit einigen Leuten in die Eier zu treten? Bei einem kleinen Clubgig kämpft Ihr doch auch um jeden einzelnen Zuhörer, bloß um dann auf einem Festival in einem Aufwasch ´zig potenzielle Fans mit derlei Späßchen zu vergraulen - wie passt das zusammen?

Es gibt immer - wie auch hier - Leute im Publikum, die "Hau doch ab, Du Arschloch!" brüllen. Schau, wir haben neulich in Graz vor 18 Leuten gespielt, und da mache ich´s genau so wie hier. Denn ich möchte auf der Bühne ganz einfach gerne meinen Spaß haben. Wenn manche Leute derart engstirnig und unaufgeschlossen sind und verdammt noch mal in ihren eigenen Klischees ersaufen, dann ist es mir egal, ob das politische, musikalische oder sonst was für Klischees sind. Ich steh´ da nicht drauf und denke, dass jeder in der Lage sein sollte, auch mal über sich zu lachen. Wenn das jemand nicht kann, braucht er unsere Musik nicht zu hören, denn dann versteht er schon nicht mal meine Texte.

Die Texte sind allesamt von Dir?

Richtig, und sie sind ambivalent - manche sind ernster zu nehmen, manche eher zynisch. Bei "Miststück" z.B. werfen mir manche vor, ich sei ein dreckiger Macho. Völliger Quatsch, der Song sagt aus, dass wir Männer doch eigentlich den Frauen zu Füßen liegen. Wer so was nicht erkennt in meinen Texten, oder nicht erkennen will, der soll´s lassen und miesgelaunt sein Schwarz-Weiß-Leben weiterführen.

Warum schreibst Du keine bloßen Fun-Texte, um dieser Problematik aus dem Weg zu gehen? Das wäre doch insgesamt sicher einfacher.

Weil ich so bin. Mal ist es politisch, mal nicht. Auf "Herzwerk II" sind z.B. drei politische Texte - was mir auch wichtig war, da ich so im Laufe der Jahre Aufgestautes abarbeiten konnte. Wer auf einer Bühne steht, ist ohnehin generell politisch. Zudem sehe ich durchaus die Tradition von Bands wie Clawfinger und Rage Against The Machine. Deswegen alleine sind wir keine politische Band, aber immerhin sind wir uns nicht zu schade, die deutsche Sprache dafür zu verwenden, auch mal die eigene Meinung kund zu tun. Sicher gibt´s auch hier Tausende, die wieder schreien" Hey, halt´s Maul und spiel Party-Mucke!". Nein. Wenn es etwas zu sagen gibt, sagen wir es, ganz einfach.

Du hast vorhin auch insofern politisch agiert, als dass Du Stimmung gegen Stoiber gemacht hast. (Mehr dazu im Live-Bericht vom "Fun And Crust-Festival" an anderer Stelle.)

Ja, aber ich bin weder Stoiberist noch Schröderist - ich finde das leider alles sehr bedauerlich, was sich in der Politik zur Zeit abspielt. Ich lass mich da auch sicher nicht vor irgend einen Karren spannen - vor welchen auch...

Könntet Ihr Euch vorstellen, mal einen Song auf englisch aufzunehmen, um so evt. auch mehr Leute zu erreichen?

MEGAHERZ gibt es seit 1993, und inzwischen kotzt es mich wirklich an, dass viele Leute mit der deutschen Sprache anscheinend so ein scheiß Problem haben. Andauernd werden wir deswegen angemacht - dem einen passt nicht, was wir sagen, dem anderen nicht, wie wir´s sagen, und dem dritten nicht, dass wir überhaupt was sagen. Eigentlich hat man schon fast keinen Bock mehr. Sprichste dagegen englisch, ist dagegen alles scheißegal. Das nervt.

Kann ich verstehen. Und woran liegt eine derartige Einstellung der Allgemeinheit Deiner Meinung nach?

In diesem Land wird deutsch noch immer direkt mit Nationalismus gleichgesetzt, was völliger Unsinn ist. Warum zum Teufel gibt es nicht Hunderte deutschsprachiger Bands auf MTV und Viva? Nein, es gibt auf dem Niveau nur die Hosen, Rammstein und die Onkelz. Warum? Weil die Werbekunden das nicht brauchen, bla bla bla... Ja warum denn, zur Hölle? Und alle stehen sie da oben und haben mächtig was zu sagen - und sagen es auf englisch, diese Vollidioten! Die sollen mal schön ihr Maul halten, denn wenn Du was zu sagen hast, dann sag es verdammt noch mal auf deutsch. Außer, Du bist so international, dass Du damit auch in Japan und Brasilien auftrittst. Das tun sie aber nicht!

Die Festlegung eines Prozentsatzes, der deutschen und deutschsprachigen Bands in unserer Radiolandschaft ein gewisses Forum garantiert, lässt sich hierzulande - anders als u.a. in Frankreich - anscheinend nicht durchsetzen.

Deutschland hat es nie begriffen, mit seiner Nationalität locker umzugehen. Wenn Du Deine eigene Sprache benutzt, bist Du deswegen doch noch kein Fascho! Wenn wir Fußball-WM haben, dann darf man mal für ein paar Wochen die Fahne raushängen, aber - um Gottes Willen! - doch nicht im "normalen" Leben. Warum denn? Wir reden alle deutsch und sind hier zu Hause!
Sind denn die Tausenden, die Manowar-Helden-Mythen zujubeln oder irgendwelche textlich zweideutigen Aussagen so mancher Black Metal-Band konsumieren, sind das denn alles Anglisten? Wohl kaum. Das interessiert keine Sau genauer. Aber wenn ich mal was Zweideutiges auf deutsch mache, dann komme ich am besten direkt auf die Guillotine.

Und was entgegnest Du dem Vorwurf, Ihr würdet Euch nur im Fahrwasser von Rammstein befinden?

Klasse! Ich find´ Rammstein richtig geil, denn die Jungs sind die einzigen, die richtig fett polarisieren und provozieren. Die stecken den Finger da rein, wo´s der Nation weh tut. Dabei ist es scheißegal, ob die Leute das auch verstehen. Rammstein haben es perfekt verstanden, die Medien an der Nase herum zu führen. Vergleich nur mal das Presse-Echo der ersten beiden Platten à la "Achtung, die Nazis kommen!" mit denen der aktuellen Scheibe, wo es plötzlich heißt "Oh, diese genialen Theatraliker, die sind ja eigentlich links, bla bla bla". Herrlich.

Stimmt, da ist einigen besonders hellen Leuchten der bundesdeutschen Presselandschaft mal wieder erstaunlich schnell das Lämpchen angegangen...

Vor Rammstein ziehe ich meinen Hut. Selbst bei den Onkelz ist dieses Kalkül nicht derart perfekt umgesetzt worden. Rammstein legen den Teutonen genauso aufs Kreuz wie den Linksradikalen; sie sind immer in der Presse, und sie fahren damit zwischen allen Gruppierungen durch, wobei jeder aufschreit "Meinen die jetzt etwa mich!?" - einfach brilliant!
Mir ist ein Fahrwasser von Rammstein lieber, als das der Toten Hosen. Aus Campino ist ein verdammter Mallorca-Tourist geworden - "Zehn kleine Jägermeister"? Ich bitte Dich! Texte wie ein 14jähriger...

Der Mann hat wirklich was zu sagen. Er tut dies auch und macht sich somit natürlich leicht angreifbar. Wer allerdings mit einer solch ausgewogenen Mischung aus gesundem Selbstbewusstsein, einem Touch Arroganz und ordentlich Eiern in der Hose gesegnet ist, den sollte so schnell nichts aus der Bahn werfen.
In diesem Sinne - danke für das Gespräch und: Rock on, MEGAHERZ! (heavy)
 
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