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23.10.2003 Adagio
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Seit dem letzten Album "Sanctus Ignis" sind mittlerweile zwei Jahre vergangen. Warum hört man erst jetzt wieder etwas von Adagio? Ich hatte eine ganze Menge Ideen, ich wollte nach "Sanctus Ignis" wieder etwas völlig Neues komponieren. Gestartet habe ich mit dem Intro zu dem Song "Underworld". Allein dafür hab ich sechs Monate gebraucht! Als ich merkte, wie lange ein ganzes Album dann dauern würde, stoppte ich alle meine anderen Projekte oder was ich sonst zu tun hatte. Ich stand sogar 2, 5 Jahre schon früh morgens auf, weil ich die Zeit einfach brauchte. Die meiste Zeit hast Du demnach mit diesem Intro verbracht? War es so schwierig, Chöre und Orchester einzuspielen? Ich brauchte für den ersten Versuch des Intro eine ganze Woche, um es zu komponieren. Dann gefiel es mir nicht und es landete schnurstracks im Mülleimer. Und ich begann wieder und wieder von vorn. Das war mit ein Grund, weshalb gerade für dieses Intro so viel Zeit drauf ging. Ein anderes Problem hatte ich mit der Komposition für Orchester und Chöre. Es ist verdammt schwer, für Chor- Stimmen bzw. die Stimmen kleiner Jungs Musik zu schreiben. Ich musste verdammt viel üben dafür. Und dann gibt es da auch noch die finanzielle Seite. Ich lebe von der Musik und habe alles selbst bezahlt. Das Orchester hat mich 30.000 € am Tag gekostet. Das war es wert, aber teuer ist die ganze Sache schon gewesen. Einige Teile des Albums wurden in Deutschland aufgenommen, andere wiederum in Frankreich, in Paris, wenn ich mich recht entsinne. Warum so kompliziert? Den gesamten "Basis- Teil" wie Drums, Gitarren, Bass haben wir in Deutschland, in der Nähe von Karlsruhe, aufgenommen. Dann fuhren wir zunächst zu mir nach Hause nach Paris in mein eigenes Studio, um dort ein wenig herumzuspielen, einige Sachen auszuprobieren. Das Orchester und die Chöre wurden in Lyon aufgenommen. Und danach gings wieder zurück nach Deutschland, um die Vocals einzusingen und den End- Mix zu machen. Insgesamt dauerten die Aufnahmen zwei Monate. Weiter Weg und lange Zeit im Gegensatz zu so manch anderer Band... Gibt es denn tatsächlich manchmal Zeitprobleme, weil David und Dirk auch noch in anderen Bands spielen? Nein, das war zum Glück o.k.. Dirk hat Elegy verlassen. Und bei David gab es bei einer anderen Produktion n Haufen Probleme, auch mit der Plattenfirma. Egal, wie auch immer, dadurch hatte ich Glück und die beiden Zeit. Du bist der "Macher" von Adagio. Hast Du eigentlich erst alles komponiert und den andern Jungs dann Demos zugeschickt, damit sie ihre Parts üben konnten, oder wie lief das ab? Ihr wohnt ja nicht gerade alle um die Ecke. Beim ersten Album haben wir das genau so gemacht. Diesmal liefs allerdings völlig anders. Ich habe zwar alle "Basics" und Arrangements geschrieben, aber jeder der Jungs hatte diesmal die Freiheit, sich selbst einzubringen, eigene Emotionen, eigene Sensibilität. Es gab zwar Referenzen, aber jeder hat seine eigenen Lines beigetragen. Adagio hat ja nun mit Kevin auch einen neuen Keyboarder. Gibt es da große Unterschiede zu seinem Vorgänger Richard Andersson? Ja, definitiv! Für "Sanctus Ignis" habe ich allein alle Keyboard- Parts komponiert. Richard hatte eine Menge damit zu tun, alles genau so umzusetzen, wie ich es geschrieben hatte. Damals war Adagio mehr ein Projekt. Für "Underworld" habe ich Kevin zwar auch seine Basic- Parts geschickt, aber er hat viele Teile selbst geschrieben. Und er hat verdammt hart an der Interpretation gearbeitet, an der Emotionalität. Dadurch war Kevin wesentlich mehr in die Entstehung des Albums involviert, als Richard es jemals war. Das heißt, Adagio ist für Dich nicht mehr "nur" ein Projekt? Adagio war beim ersten Album auf jeden Fall nicht mehr, als ein Projekt. Ich hatte alles allein gemacht, alle Songs allein geschrieben, und eigentlich kamen wir nur zu den Aufnahmen zusammen. Mittlerweile kennen wir alle uns nun schon seit drei Jahren, wir sind echte Freunde geworden. Wir telefonieren alles fast jeden Tag miteinander und treffen uns auch regelmäßig. Heute sehe ich uns als richtige, als eigenständige Band. Franck und Kevin haben mit mir komponiert, David war sehr in die Entstehung des Albums mit eingebunden. Wir sind gewachsen. Ja, wir sind eine richtige Band! Das ist meiner Meinung nach sogar auf der Platte hörbar.... Ja, unsere Verbundenheit drückt sich auch in der Musik aus! Adagio vereint wahnsinnig viele Stile. Ist Dir der Stil, den Du spielst oder komponierst, irgendwie wichtig? Versuchst Du, in eine bestimmte Richtung zu gehen? Ich denke nicht über Stile nach, bei dem, was ich tue. Es gibt so viel unterschiedliche Musik, und ich mag eine Menge, ganz unabhängig vom Stil. Ich höre sogar Pop und solche Sachen. Ich lasse mich von allem inspirieren und dann komponiere ich. Das ist alles, was ich tue. Ich finde, das ist ne ganze Menge! Würdest Du denn auch sagen, dass Deine Musik von "Sanctus Ignis" zu "Underworld" progressiver geworden ist? Es dauerte bis zum Release von "Underworld" 2,5 Jahre, da liegt eine Menge Zeit und Entwicklung zwischen. Für mich und meine eigene Entwicklung ist das fast wie eine Evolution, ich hab verdammt viel dazu gelernt. Eben auch viel über Musik, über Komposition, über Orchester, sogar über mein eigenes Leben und das Leben überhaupt. Ja, "Underworld" ist auf jeden Fall komplexer und auch progressiver. Besonders besagtes Intro ist recht progressiv. Die Musik insgesamt ist emotionaler, die Konzentration liegt nicht mehr hauptsächlich auf der reinen Technik. Da bleibt Progressivität nicht aus. Es gibt auf dem Album auch viele Einflüsse von Filmmusik. Bist Du generell Filmfan oder ist es bei Dir ausschließlich die Musik? Ich bin Filmmusik- Fan. Es gibt da eine ganze Reihe großer Komponisten für mich. Klar mag ich auch Filme, aber das ist nicht das Gleiche. Der Film ist für die Fans, aber die Musik bedeutet mir wesentlich mehr. Könntest Du Dir vorstellen, selbst einmal Filmmusik zu schreiben? Ja, könnte ich mir schon vorstellen, das wäre bestimmt ganz lustig und eine große Herausforderung. Musik für einen Film ist doch irgendwie etwas ganz Spezielles und ganz Anderes. Wer weiß, vielleicht mach ich sowas demnächst mal. Hast Du eigentlich Vorbilder? Das alte Thema... Früher wurde mal gesagt und geschrieben, Yngwie Malmsteen sei mein größtes Vorbild. Aber das habe ich so nie gesagt. Er ist ein fantastischer Musiker, das ist wahr. Aber richtige Vorbilder habe ich nicht, ich orientiere mich höchstens an anderen. Was bedeutet "Underworld" für Dich? Bist Du religiös, glaubst Du an Gott? Ich bin kein Christ. Ich denke zwar über Religion nach, aber das ist mit "Underworld" nicht gemeint. Es geht vielmehr um visuelle Aspekte, um die dunkle Seite. Ich meine damit die dunkle Seite des Geistes, das Dunkle, das in Dir selbst schlummert. Vielleicht kommt das nicht unbedingt unmittelbar in den Texten heraus, jeder hat da seine eigenen Visionen, gerade bei den Texten. Es fällt mir etwas schwer, genau zu beschreiben, was ich meine, aber so ungefähr das wollte ich ausdrücken. Glaubst Du an die Wiedergeburt? Ja! Aber nicht an eine Reinkarnation, wie sie häufig in Filmen oder so dargestellt wird. Ich denke, wir sind aus einen bestimmten Grund hier und ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass beim Tod auch die Seele einfach stirbt. Danach muß es noch etwas geben, was auch immer... Zwei der Stücke hat Hreimarr mit eingesungen. Wie kam dieser doch etwas seltsam scheinende Kontakt zustande? Ich höre zur Zeit sehr viel von Dimmu Borgir. Das hat sicherlich auch großen Einfluss auf mich. Wahrscheinlich war es deshalb auch selbstverständlich für mich, einige Black- Metal- Parts zu integrieren. Hreimarr habe ich bei einer Fotosession für ein französisches Metal- Magazin kennengelernt. Wir haben uns lange über unsere Musik unterhalten und ich erzählte ihm auch von meiner Idee, Black- Metal- Gesang in meine Kompositionen zu integrieren. Irgendwann, als es dann so weit war, rief ich ihn an und fragte, ob er Lust habe, auf "Underworld" zu singen. Er war sofort begeistert und sagte zu. Denkst Du, es gibt Unterschiede im Anspruch, ob man beispielsweise Klassik, Prog- Metal oder sogar Black oder Death Metal komponiert und spielt? Es ist von daher immer schwierig, wenn man viele Instrumente, wie bei einem Orchester, vereinen muß. Für ein großes Orchester womöglich noch mit Chor zu komponieren ist sicher wesentlich härter, als vier, fünf Instrumente wie Bass, Drums, Gesang unter einen Hut zu bekommen. Das ist verdammt viel Arbeit. Du hast klassische Musik studiert, oder? Ja, ein wenig. (lacht) Ich habe viel gelernt über Theorien von Jazz, Rock und solchen Sachen als ich jünger war. Später erst fand ich dann meine Liebe zur Klassischen Musik und zum Orchester. Mittlerweile sind es fünf, sechs Jahre her, dass ich im Orchester gespielt habe. Heute bin ich 27, ich habe mich weiterentwickelt. Hälst Du Dich selbst eigentlich für einen ernsten Menschen? Hm, vielleicht. Ich habe sicherlich mehrere Facetten. Ich liebe das Leben und genieße es in vollen Zügen. Ich ziehe gern mit meinen Freunden los. Aber in anderen Momenten denke ich über unsere Existenz nach und über meine Einstellung zum Leben und zum Tod und über solche Sachen. Ich bin Optimist, aber ich mag es einfach, mir auch über ernste Themen Gedanken zu machen. Und in meiner Musik bin ich sicherlich sehr ernsthaft. "Underworld" ist sehr düster, ich mag dunkle Harmonien, das macht meine Musik aus. Aber das hat nichts mit einem Abbild meiner realen Welt zu tun. Ich habe Spaß ich bin nicht depressiv. (lacht laut) Wie sieht die Zukunft aus, was ist mit einer Tour? Zur Zeit ist eine Tour in Frankreich in Planung, wir werden in Japan spielen und sogar einen Auftritt in Israel haben. Mich wundert es selbst, wo überall Fans zu finden sind... Leider haben wir bisher noch nie in Deutschland gespielt, ich würde mich freuen, wenn es mal dazu käme. Überhaupt ist Adagio in Europa nicht so bekannt wie beispielsweise in Japan, der Markt ist einfach völlig anders. Aber wer weiß, vielleicht ändert sich das ja jetzt Irgendwann müssen die ganzen Interviews ja mal Erfolg zeigen! (lacht) Ich würde es mir wünschen und der Konzertbesuch von Adagio steht ganz oben auf meiner Liste! (cora) |
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