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24.05.2004 Soulfly
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MI: Willkommen in Deutschland! Fühlst Du Dich wohl?
Max: Ja, Deutschland ist großartig und fast eine zweite Heimat für SOULFLY. Die Konzerte hier sind am besten besucht und das Feedback der Fans ist wahnsinnig positiv. Wir waren gerade eine Woche in Skandinavien, was man fast als eine Art Probe für Deutschland bezeichnen könnte. Viele Dates, das Album läuft klasse und es macht verdammt viel Spaß wieder auf Tour zu sein. MI: Fragen zum neuen Line-Up hast du bereits in anderen Interviews geklärt, das neue Album findest du selbst am besten, lass uns versuchen, ein wenig mehr über den Menschen Max Cavalera herauszufinden. Du bist katholisch erzogen worden, woran denkst du, wenn du dich an deine Kindheit zurück erinnerst? Max: Eigentlich war meine Kindheit ziemlich langweilig. Ich ging zur Schule, kam nach Hause und spielte mit meinen Cousins. Wir lebten zusammen mit zwei anderen Familien in einem großen Haus. Es war alles ziemlich öde bis ich SEPULTURA gründete, ich war zwölf oder dreizehn und damit startete der verrückte Teil meines Lebens. Ich fing an, die Schule zu schwänzen, Punk zu hören und machte immer öfter irgendwelchen Blödsinn. MI: Warst du gut in der Schule? Max: Ja, ich war einer von diesen Strebern und interessierte mich besonders für Geschichte, was ich heute immer noch tue. Ich war ein unauffälliger Schüler immer ruhig und ohne besondere Vorkommnisse. MI: Bis du anfingst Musik zu machen... Max: Stimmt, danach war ich das Gegenteil. MI: Wann hast du dein erstes Instrument bekommen? Max: Ich weiß nicht mehr genau, welches Jahr das war, ich kann mich aber noch sehr gut an die Gitarre erinnern. Ich nannte sie "Podridaõ", was so viel heißt wie "die verrottete", denn sie war wirklich billig und in einem unheimlich schlechten Zustand. Ich habe mir beim Spielen ständig Holzsplitter in die Hände gerissen, so übel sah das Ding aus. Aber letztendlich war es eine Gitarre und darauf kam es an. MI: Was hielten deine Eltern von der Entscheidung, Musiker zu werden, anstatt einen vernünftigen Job zu lernen? Max: Es gab eigentlich nie so etwas wie diesen definitiven Entschluss Musiker zu werden, das kam nach und nach. Alles fing mit der Gitarre an. Meine Mutter sah mich jeden Tag darauf spielen und sie sah meinen Bruder trommeln. Wir fanden andere Musiker, begannen, regelmäßig zu proben und sie Erfuhr, dass wir eine Band gegründet hatten. Sepultura. Dann ging alles recht schnell. Wir spielten zwei Shows und bekamen daraufhin das Angebot, eine EP zu machen. So entstand "Bestial Devastation" (erstes Lebenszeichen von Sepultura - Anm.d.Verf), was meine Mutter überraschte, aber auch stolz machte. Sie begann uns zu unterstützen, wo es nur ging. MI: Du hast immer davon geträumt, von deiner Musik zu leben, reisen zu können und viel von der Welt zu sehen. Dieser Traum ist in Erfüllung gegangen. Gibt es Momente, in denen du dir wünscht, du hättest lieber einen normalen Job gelernt? Max: Ich denke, so etwas ist schwer zu sagen. Ebenso könnte man einen Lehrer fragen, ob er nicht glaube, sein Leben verschwendet zu haben. Er hätte vielleicht besser Leistungssportler werden sollen. Meiner Meinung nach ist diese Entscheidung ist definitiv und liegt bei jedem Menschen selbst. Jeder sollte für sich herausfinden, worin seine Stärken liegen und diese sollte er nutzen. Meine Stärke war die Musik, ich konnte nie etwas anderes. MI: Was hat die katholische Erziehung in dir bewegt? Max: In Brasilien gibt es nicht sonderlich viele unterschiedliche Glaubensrichtungen. Man sagt, 70 Prozent der Brasilianer seien katholisch, ich aber denke, 110 Prozent sind spirituell veranlagt und glauben an etwas höheres (lacht). Ich gehöre zur spirituellen Fraktion. Viele Menschen fragen mich nach meinem Glauben, weil sie durch SOULFLY verwirrt sind. Ich beziehe mich oft auf Gott und im Artwork meiner Alben findet man oft das Bild vom heiligen Michael, aber ich lasse mich nicht gern als Christen bezeichnen, es ist in erster Linie mein starker Bezug zu Spiritualismus. MI: Was dir die Fans anscheinend auch glauben... Max: Ja, das tun sie. Gestern stand ein Typ mit einem Mayhem-Shirt in der ersten Reihe und sang alle Texte mit. Ich glaube, die Leute wissen, was ich ausdrücken möchte und sie wissen, dass ich nicht als Prediger dastehen will, um ihnen zu sagen, was gut ist und was nicht. MI: Macht es dich stolz, dass du verschiedene musikalische Lager zusammen an einen Tisch bringst? Vom Old-School-Death Metal-Freak bis hin zum New Metal-Fan? Max: Auf jeden Fall! Es ist definitiv eine Sache, die ich nicht verstehe, aber es macht mich unheimlich glücklich. Ich denke, die Leute, die SOULFLY mögen, merken, worum es mir geht. Es hat nichts damit zu tun, welche Klamotten du trägst, oder woher die Musik kommt, es ist der Spirit und die Einstellung, die diese Musik vermittelt. Vielleicht kann deshalb ein Skate-Punk ebenso SOULFLY mögen, wie der Death Metal-Freak. Das ist für mich die einzige logische Erklärung. Wir haben in Brasilien einmal ein Konzert mit Krisiun gespielt (extreme Knüppel-Death-Metaller - Anm.d.Verf). Als ich in Backstage kam, sind die Jungs total ausgerastet und haben sich tierisch gefreut, mich zu sehen. Ich war völlig überrascht. Eigentlich hätten die mich doch hassen müssen, aber es war das komplette Gegenteil. Natürlich hatte es sicherlich damit zu tun, dass ich selbst aus Brasilien komme, merkwürdig war es trotzdem, denn immerhin haben diese Jungs den Death Metal, und nichts anderes, im Blut. Es ist zweifelsohne gut, ein gemischtes Publikum zu haben. MI: Als du anfingst, Musik zu machen, hast du dich textlich sehr an der damaligen Szene orientiert und kräftig gegen Gott und die Kirche gewettert. Mit den Jahren wurden deine Texte nicht nur sozialkritischer, sondern auch gemäßigter, was den Klerus anging. Haben sich deine Ansichten geändert? Max: Ich denke, meine Einstellung ist dieselbe. Ich bereue die frühen Alben und Texte nicht, denn sie reflektieren, wie es uns damals ging und wie uns die Kirche behandelte. Sie hasste Leute wie uns, die gegen bestehende Traditionen und ungerechte Regeln rebellierte. Ich halte nach wie vor nichts von der Industrie Kirche, den Predigern im Fernsehen und diesem ganzen Mist. Natürlich hatte ich auch eine Phase, in der sich meine Texte mit komplett sinnlosen Dingen befassen. Es gibt ein paar Sepultura-Songs, bei denen ich mich wirklich frage, worüber zum Teufel ich dort geredet habe. Ich lese sie heute und fasse mir verständnislos an den Kopf, so bescheuert sind sie. Allerdings gibt es auch alte Lyrics, die ich nach wie vor sehr mag und die meiner Meinung nach ihrer Zeit voraus waren. "Innerself" ist so ein Song, denn der Text passt heute ebenso, wie damals. MI: Wann hat dir eine Frau zum ersten Mal so richtig den Kopf verdreht? Max: Ich hatte viele Freundinnen, aber nie etwas wirklich ernstes, bis auf ein einziges Mal. Wir trennten uns irgendwann und sie hatte einen Neuen. Ich nahm alle Sachen, die ich von ihr hatte, packte sie in einen Koffer und machte ein Feuer damit in meinem Garten. Danach hatte mich das Leben und Sepultura zurück. Ich traf in meiner Karriere viele Fraue, nie interessierte mich eine jedoch wirklich bis Gloria in mein Leben trat. Sie war die erste Frau, die mit mir umgehen und mich wirklich verstehen konnte. Es gab Zeiten, in denen niemand, nicht einmal meine Band, in der Lage war, mit mir klar zu mommen. Ich war sehr schwierig, soff wie ein Loch und war sehr launisch. In einer Minute war ich fröhlich, in der nächsten drehte ich durch und wurde aggressiv. In solchen Momenten hätte ich die meisten Menschen angegriffen und versucht, sie umzubringen. Gloria konnte damit umgehen, sie hat mir das Leben gerettet. Wenn ich böse auf sie bin, halte ich mir vor Augen, dass ich ohne sie wahrscheinlich kaum noch leben würde. Ich wäre tot ohne sie. Heute geht es mir sehr gut. Ich bin sehr glücklich über das alles. Meine Kinder, mein Glück, das tun zu dürfen, wovon ich geträumt habe, meine Fans, all das gibt mir so viel. Um ehrlich zu sein, habe ich in frühen Sepultura-Tagen fest daran geglaubt, nicht älter als 21 zu werden. Mit 15 Jahren war ich der festen Überzeugung, es müsste schon mit einem Wunder zu tun haben, wenn ich die 21 überlebte. Als ich 21 wurde, dachte ich: "Wow, ich habs überlebt!", als ich 31 wurde, dachte ich: "Überlebt!!" und jetzt bin ich 34. Abgefahren! (lacht) MI: Wenn man sich heute mit dir unterhält, wirkst du sehr ruhig und gefasst, es gibt auch noch die andere Seite? Max: Ich würde sagen, dass diese Zeiten vorbei sind. Heutzutage steht für mich die Musik an erster Stelle, es geht mir mit der Band nur um die Musik. Damals war ich verrückt, schoss mich ohne irgendeinen Grund direkt ins Koma. Trank und nahm Drogen, was mich zu einem völlig anderen Menschen machte. Das passiert heute nicht mehr. MI: Gut so, immerhin hast du ja auch fast deine komplette Familie dabei. Zeigen deine Söhne eigentlich schon Interesse an Musik? Würdest du ihnen raten, Rockstars zu werden? Max: Igor (Max´ jüngster - Anm.d.Verf) wünscht sich eine Gitarre. Komisch, wir dachten immer, Zyon wäre der erste, der Musik machen will, da er ständig Schlagzeug spielen wollte. Aber Igor hat mich kürzlich gefragt, ob ich ihm beibringen könnte, wie man Gitarre spielt. Zyon interessiert sich mittlerweile mehr für Sport. Mit der kompletten Familie auf Tour zu sein ist absolut witzig. Auf der einen Seite bin ich der Star, der Abends vor schreienden Kids auf der Bühne steht und auf der anderen Seite komme ich danach zurück in den Bus und meine Kinder machen sich über meinen Akzent lustig. Sie machen ständig Witze über mich, immerhin sind sie in den Staaten aufgewachsen und sprechen perfekt Englisch. Es ist immer dasselbe. Ich komme nach der Show durchgeschwitzt und müde in den Nightliner, setze mich zu meinen Kids, die gerade Playstation spielen und höre dann so etwas wie: "Hau ab, Dad, wir versuchen hier ein Spiel zu spielen!" Das holt mich dann recht schnell wieder runter. Die Famile mit auf Tour zu haben, lässt dich ausgewogener sein und du fühlst dich nicht so schnell wie der große Rock´n Roll-Gott. Aber das habe ich eh nie getan (lacht). MI: Mögen deine Sprösslinge SOULFLY? Max: Ich denke, sie mögen es, aber ich rede nicht viel mit ihnen über meine Musik. Allerdings habe ich festgestellt, dass sie auch CDs von mir besitzen. Ich möchte, dass sie die Chance haben, ihren eigenen Geschmack zu entwickeln, immerhin konnte ich das auch. MI: Ist es schwierig, permanent in der Öffentlichkeit zu stehen? Wie gehen deine Kinder damit um? Max: Leicht ist es nicht, denn wie du schon sagst, steht man permanent in der Öffentlichkeit. Es passiert oft, dass ich auf der Straße von Fans angehalten werde, die sich unheimlich freuen mich zu sehen. Ich versuche immer, mir die Zeit für Autogramme und Fotos zu nehmen. Ich erzähle meinen Kindern dann, dass dies die Leute sind, die uns all das ermöglichen, was wir haben und dass sie sich bitte niemals über diese sie lustig machen sollen. In dieser Frage kenne ich keinen Spaß und das wissen sie. (cs) |
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