Interview

01.07.2004 Neurosis
 
Scott Kelly und Steve Von Till haben es schon nicht leicht. Nicht genug damit, dass sie neben ihren Familien auch noch regulärer Erwerbstätigkeit nachgehen müssen, der Job als Frontmänner der amerikanischen NEUROSIS bringt ebenfalls eine Menge an Aufwand mit sich. Vor allem dann, wenn die Jungs ein neues Album veröffentlichen. Dann heißt es jeden Morgen vor der Arbeit das Telefon greifen und europäische Journalisten anrufen, die stets ein und dieselben Fragen stellen. Scott wirkt müde, aber geduldig, als er mich gegen acht Uhr kalifornischer Ortszeit mit seiner Aufmerksamkeit beehrt.
MI: Ihr habt gerade Euer neues Album "The Eye Of Every Storm" veröffentlicht. Wie würdest du es im Vergleich zu euren voran gegangenen Releases beschreiben?

Scott: Ich glaube, mit dieser Scheibe haben wir den größten Schritt unserer gesamten Karriere getan. Vielleicht waren es sogar zwei Schritte. Ich bin sehr stolz darauf und es ist aufregend, zurück zu schauen und dabei zu realisieren, wie lange wir nun schon zusammen Musik machen und uns mit jedem Album hundertprozentig wohl fühlen. Es fühlt sich wirklich gut an, immer noch am Leben zu sein.

MI: Besonders in Sachen Gesang habt ihr dieses Mal eine verdammt große Entwicklung durchgemacht. Weniger Geschrei dafür mehr klare Linien von euch beiden. War das geplant, oder eine natürliche Entwicklung?

Scott: Ich glaube, es war ein wenig von beidem, in erster Linie jedoch ein natürlicher Prozess, der vor langer Zeit begann. Steve und ich wollten uns stimmlich verbessern und lernen, richtig zu singen. Wir merkten irgendwann, dass wir es konnten, das begann wie gesagt vor Jahren. Allerdings dauerte es lange, bis wir das nötige Selbstvertrauen erlangt hatten, unsere Stimmen auch wirklich einzusetzen und nicht nur im Auto vor uns hin zu trällern. Wir waren immer die Sorte von Menschen, die versucht, ihre Schwächen auszuloten und sie zu verbessern, bis man sich wohl fühlt und ich denke, dieser Punkt ist in Sachen Gesang erreicht. Das war nicht leicht, denn wir wussten, dass wir laute, harte Musik machen konnten und das tagelang. Nur die ruhigen, filigranen Momente gestalteten sich schwierig und stellten eine große Herausforderung für uns dar.

MI: Wie würdest du einem Tauben eure Musik beschreiben?

Scott: Harte Frage! Ich weiß nicht. Ich habe oft versucht, unsere Musik den Leuten zu beschreiben, die sie noch nicht gehört hatten, aber sie jemandem zu erklären, der nichts hört, ist wirklich schwierig. Ich würde ihm wohl sagen, dass er sie wahrscheinlich nicht leiden könnte. Einem Tauben würde ich sagen, dass unsere Musik wie eine raue Emotion direkt aus dem Herzen klingt, so pur wie wir selbst.

MI: Wäre es für einen Blinden einfacher, sich die visuelle Seite von NEUROSIS auszumalen?

Scott: Ja! Das wäre einfacher, denke ich. Es liegt einfach näher, als jemandem den Klang von etwas zu beschreiben, der noch nie auch nur einen Ton gehört hat. Es ist etwas anderes, sich Bilder zu Musik vorzustellen. Wann immer wir Songs schreiben, haben wir Bilder im Kopf, das ist eine natürliche Sache.

MI: Ihr hattet schon immer eine ungeheuer wichtige visuelle Seite. Man erinnere sich an eure Auftritte, die von kunstvollen Projektionen auf Großbildleinwänden geprägt waren. Zu eurer letzten CD "A Sun That Never Sets" gab es außerdem eine DVD mit Videos zu jedem Song. Wird es so etwas in Zukunft wieder geben?

Scott: Ja, allerdings nicht zum aktuellen Album Wir arbeiten gerade an einer DVD, die zu unserem zwanzigjährigen Bandbestehen Ende nächsten Jahres erscheinen wird.

MI: Wie du gerade erwähnt hast, existiert ihr mittlerweile 19 Jahre. Was magst du am meisten an NEUROSIS?

Scott: Ich mag die Jungs und jeder, der mich kennt, weiß, dass ich nicht besonders viele Menschen mag. Ich habe ein paar Menschen auf dieser Welt gefunden, denen ich vertraue und fünf von ihnen spielen in der Band, das ist ein verdammt großes Gefühl. Ich bin dankbar dafür, solche Freunde gefunden und so viel erreicht zu haben. Es macht den Eindruck, als wenn uns NEUROSIS zu besseren Menschen gemacht hat.

MI: Gibt es auch negative Seiten?

Scott: Man lebt nicht immer gute Zeiten, aber ich bereue nichts von dem, was wir oder ich getan haben. Alles ergibt am Ende seinen Sinn und wir hatten viel Glück, die Sterne standen in vielerlei Hinsicht sehr gut für uns und ich hoffe, das bleibt so.

MI: Hört sich so an, als könnten NEUROSIS die nächsten zwanzig Jahre auch noch überleben.

Scott: Definitiv! Das einzige, was passieren könnte ist, dass wir in zwanzig Jahren nicht mehr am Leben sind. Ich sehe keinen anderen Grund, warum wir aufhören sollten. Wir haben die Musik und ziehen unsere Kinder groß, das ist unser Leben, nichts anderes.

MI: Hast du eine Idee, wir ihr in zwanzig Jahren klingen werdet?

Scott: Ja, aber ich denke ungern zu oft darüber nach, weil es uns limitieren würde. Wir leben für den Moment und wenn man einen Song schreibt, sollte man nicht zu viel darüber nachdenken, wie er am Ende klingen wird. So haben wir immer gearbeitet und die Songs sich selbst schreiben lassen. Wir ließen alles zu seiner Zeit passieren, ich sehe nicht all zu gern in die Zukunft.

MI: NEUROSIS sind definitiv mit der Zeit gewachsen und haben ihre Fans mitgenommen. Ihr klingt heute definitiv erwachsener als auf "Souls At Zero", glaubst du, dass ihr mit der Zeit noch erwachsener werden könnt?

Scott: Ich denke schon. Wir haben die Band gegründet, als wir alle noch Teenager waren, jetzt bin ich 37 und das ist eine verdammt lange Zeit. Diese Zeit verändert dich und die Musik, die du machst. Ich möchte, dass wir uns auch weiterhin entwickeln und ich bin froh, dass wir uns überhaupt gewandelt haben. Wenn wir immer noch dasselbe machen würden, wie vor 18 Jahren, gäbe es uns nicht mehr.

MI: Du hast gesagt, dass ihr eure Kinder aufzieht. Habt ihr alle Familien und Nachwuchs?

Scott: Nein, nicht alle, aber zusammen bringen wir es auf 5 Gören und ich habe zwei davon.

MI: Mögen sie deine Musik?

Scott: Ja, das tun sie, besonders mein Sohn. Er hört ähnliche Musik und spielt selbst in einer Band. Meine Tochter mag lieber die akustischen Geschichten und Projekte wie TRIBES OF NEUROT. Sie mögen es, ich meine, sie wuchsen damit auf. Welche Wahl blieb ihnen also? (lacht)

MI: Würdest du deinem Sohn raten, einen vernünftigen Job zu lernen, oder es mit der Musik zu versuchen?

Scott: Ich rate ihm beides. Man sollte etwas gelernt haben, um die Möglichkeit zu besitzen, seine Kreativität auszuleben und nicht von Trends abhängig zu sein. Heutzutage ist es ein Ding der Unmöglichkeit, mit unkonventioneller Musik Geld zu verdienen und die Art meines Sohnes Songs zu schreiben, ist unkonventionell. Er erinnert mich oft an mich selbst, denn er schreibt Musik sehr intuitiv aus dem Bauch heraus, ohne sich Gedanken über gängige Strukturen zu machen.

MI: Ihr seid nicht nur mit NEUROSIS, euren Familien und normalen Jobs beschäftigt, sondern habt auch noch eine Menge an Projekten. Wie viele sind es genau, oder hast du irgendwann aufgehört zu zählen?

Scott: Steve und ich machen beide Solo-Projekte, dann hat Steve noch ein weiteres Projekt, dass sich CULPER RING nennt, ich habe eins, dass BLOOD & TIME heißt. Weiterhin gibt es noch TRIBES OF NEUROT und Noah spielt in einer Gruppe namens EVERYTHING MUST GO, die eher Südstaaten Rock´n Roll machen. Es gibt sicherlich noch mehr musikalische Aktivitäten in unseren Leben, wir haben schon immer sehr viel in verschiedenen Bands gespielt.

MI: Im Jahr 2001 und 2002 habt ihr in San Francisco das Beyond The Pale-Festival veranstaltet, auf dem an vier Abenden natürlich ihr selbst inklusive eurer Projekte und verschiedene Künstler aus eurem Umfeld aufgetreten sind. Wird es so etwas wieder geben?

Scott: Ja, wir haben große Lust, wieder so ein Festival zu starten, allerdings fiel das ganze dieses Jahr ins Wasser, da es Unmengen an Zeit und Arbeit erfordert, die wir nicht aufbringen konnten, weil wir mit unserem neuen Album beschäftigt waren. Prinzipiell sah das Konzept des Festivals unserem Label sehr ähnlich. Wir wollten Bands in die Bay Area holen, die wir selbst lieben und schätzen und die in irgendeiner Weise unseren Spirit teilen. Das Programm war sehr gemischt, von JARBOE über TARANTULA HAWK bis hin zu SAVAGE REPUBLIC. Natürlich spielten wir auch selbst.

MI: Habt ihr daran gedacht, dieses Konzept mal auf Tour zu bringen.

Scott: Ja, das haben wir, allerdings bringt das viele kaum lösbare Probleme mit sich. Für uns ist Touren aus verschiedenen Gründen nicht gerade einfach, in erster Linie scheitert das ganze natürlich am Geld. Je älter wir werden, desto schwieriger ist es für uns, genug Geld und Zeit aufzutreiben, nach Europa zu fliegen und dort Gigs zu spielen. Mit zehn Bands würde der finanzielle Rahmen astronomische Ausmaße annehmen. Wir haben noch kein umsetzbares Konzept, aber ich bin sehr zuversichtlich.

MI: Wenn wir schon beim lieben Geld sind, wie läuft euer Label Neurot Recordings?

Scott: Wir sind äußerst zufrieden mit den Bands, die wir unter Vertrag haben, allerdings wäre es cool, wenn man den Menschen begreifbar machen könnte, wie sehr es vor allem einem kleinen Label weh tut, dass Musik heutzutage nicht mehr gekauft, sondern gebrannt wird. Das ist wirklich ein Problem.

MI: Wie ermutigt ihr Bands, in diesen Zeiten nicht aufzugeben? Nehmt ihr selbst noch Bands unter Vertrag?

Scott: Oh ja! Wir haben zwar noch nie mit einer deutschen Band zusammen gearbeitet, aber ich würde definitiv jeden dazu ermutigen, uns Demos zu schicken. Auch wenn es manchmal länger dauert, wir hören uns alles an und wenn jeder in der Band es mag, besteht eine große Chance, dass wir uns melden! Allerdings muss ich betonen, dass wir ein kleines Label sind und nicht viel Geld haben, eine große Promotion zu fahren. Daher suchen wir in erster Linie natürlich nach Bands, die schon einen Namen haben, bzw. solche, die einfach nur Musik der Musik wegen machen und keinen Wert darauf legen, reich zu werden. (cs)
 
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