Interview

16.07.2004 Hatebreed
 
Wenige neue Bands haben in den letzten zwei Jahren so viel Staub aufgewirbelt, wie die amerikanischen Hardcorer HATEBREED, obwohl man bei den Jungs um Labelbesitzer und MTV-Moderator Jamey Jasta nicht gerade von einer neuen Band reden kann, denn immerhin gibt es die Formation nun schon zehn Jahre. Der verdiente Ruhm allerdings kam erst mit dem 2002er Wutbolzen "Perseverance" dessen Song "I Will Be Heard" schnell zur Clubhymne der alternativen Szene avancierte. Eigentlich sollte unser Interview mit Jamey selbst laufen, auf den auch der Fragenkatalog zugeschnitten war, kurzfristig sprang jedoch Gitarrist Sean ein, der am Telefon vor der ungeheuren Geräuschkulisse des Soundchecks versuchte, unsere Fragen möglichst amerikanisch oberflächlich zu beantworten.
MI: Ihr seid gerade auf Tour, wie läuft es?

Sean: Die Tour ist großartig und wir genießen die Zeit. Gestern spielten wir ein Hardcore-Festival in Tilburg/Holland, heute machen wir in München halt. Wir sind Headliner auf dieser Tour und haben eigentlich fast jeden Abend anderen Support-Bands, unter anderem Sworn Enemy und E. Town Concrete. Zwischen den Dates gibt es immer wieder Festivals, wir haben also gut zu tun.

MI: Gab es schon irgendwelche Probleme mit Grenzbeamten? (HATEBREED mussten nach Schwierigkeiten bei der Einreise nach Kanada ihren Gig in Vancouver absagen und waren diesbezüglich verdammt sauer.)

Sean: Haha, nein, bis jetzt hatten wir noch keine Probleme! Die Kanada-Geschichte war wirklich dämlich und hat uns in eine dumme Lage gebracht, aber was soll man machen, die Behörden sitzen einfach am längeren Hebel.

MI: Allerdings seid ihr auf dieser Tor auch nicht gerade vom Glück gesegntet, immerhin musstet ihr nach einer Panne eures Tourbusses eine Show in Manchester canceln.

Sean: Oh ja, das war grauenhaft! Kein gutes Gefühl, die Fans im Stich zu lassen. Wir haben zwar noch alles versucht und sogar die Busse gewechselt, haben es aber zeitlich nicht mehr geschafft, sonst wären wir nicht rechtzeitig in Deutschland gewesen.

MI: Wie sieht ein normaler Tag auf Tour aus?

Sean: Du wachst irgendwann auf und gehst in den Club, baust deinen Kram auf, checkst alles, was es zu checken gibt, Amps, Sound, E-Mails, dann gibst du Interviews und hast manchmal sogar noch ein wenig Zeit, dir die Umgebung anzusehen. Ich liebe es, mir Sehenswürdigkeiten anzuschauen. Am Ende kommt dann die Show und das war’s.

MI: Hast du denn schon ein wenig von München sehen können?

Sean: Ähm...ich bin schon ein wenig um die Halle gelaufen, aber musste auch noch meine Mails nachsehen, deswegen leider nicht. Eigentlich habe ich überhaupt noch nichts von Deutschland gesehen, unser Zeitplan ist ziemlich eng. Aber Deutschland ist wunderschön, ohne Zweifel! Ich hatte nur noch keine Chance, mir das selbst anzusehen. Deutschland ist toll! Wirklich!

MI: Aha, nun, schon in der Bibel stand: "Seelig sind die, die glauben, ohne zu sehen." Was weißt du denn über Deutschland?

Sean: Es liegt in Europa?

MI: Dann weißt du ja schon einiges. Mal was von Adolf Hitler gehört? Der hat 1939 den zweiten Weltkrieg angefangen und den so genannten Holocaust verursacht. Viele Leute fühlen sich heute seiner rechten Ideologie immer noch verbunden und vor allem die rechte Jugend steht oft auf harte Musik. Hättet ihr ein Problem damit, wenn solche Leute eure Musik hörten?

Sean: Ich habe keine politischen Interessen und weiß auch zu wenig über so was. Sicherlich ist das ein schwieriges Thema und das wäre alles andere als toll, aber wir müssten wohl damit leben.

MI: OK, lassen wir das. Ihr seid mittlerweile quer durch Europa getourt. Gibt es von Land zu Land Unterschiede bei den Auditorien, oder ist jede Menge, wie die andere?

Sean: Ich habe keinen Schimmer, das Publikum ist überall toll! Ich konnte noch keine wirklichen Unterschiede feststellen, immerhin stehe ich auf der Bühne und habe andere Sachen zu tun, als mich auf das Publikum zu konzentrieren. Ich mache mein Ding, die Kids machen ihr Ding und alle sind happy! Die Leute sind überall cool drauf, tanzen und haben Spaß! Mag schon sein, dass es kleine Unterschiede zwischen den Ländern gibt, aber letztendlich geht es ja überall um dasselbe!

MI: So viel Interesse an den Fans? Du selbst bist ein großer Fan von Slayer, wie war es, das erste Mal mit ihnen auf einer Bühne zu spielen?

Sean: "Reign In Blood" ist mein unangefochtenes Lieblingsalbum! Es war toll, die Jungs zu treffen, ein Traum wurde wahr, immerhin sind Slayer meine absolute Lieblingsband! Mit ihnen touren zu dürfen, war nicht nur eine ungeheure Ehre, sondern auch die Erfüllung eines lang gehegten Kindheitstraumes!

MI: Apropos Kindheit: Wo kommst du her und wann habt ihr angefangen, Musik zu machen?

Sean: Ich wuchs in Waterbury, einer kleinindustriellen Stadt in Connecticut auf. Damals kam es einem vor wie die wichtigste Industriestadt der Welt, heute sind dort alle Fabriken geschlossen und übrig blieb ein großes schwarzes Loch. Bis auf Matt kommen wir alle aus der Gegend und wuchsen nicht weit weg voneinander auf, Connecticut ist kein großer Bundesstaat. Bevor wir ab 1992 zusammen Musik machten, spielten wir alle in verschiedenen Bands und hatten einige Shows zusammen, vor allem Jameys Band und meine. Als er dann Hatebreed ins Leben rief, kam eines zum anderen. Es gab eine Menge von Line Up-Wechseln und was daraus wurde, siehst du jetzt.

MI: Wart ihr kleine, fiese Rebellen, oder die netten Jungs von Nebenan?

Sean: Immer nett! Wir sind alle absolute Gentlemen. Ich wurde von einer strengen Mutter erzogen. Wir sind alle gute Jungs, großartige Kerle!

MI: Ich hatte ursprünglich einige Fragen für Jamey vorbereitet, die du mir aber eventuell auch beantworten kannst. Euer Frontmann hat nicht nur ein Hardcore-Label, sondern moderiert auch den "Headbangers Ball" bei MTV.

Sean:Ja, das tut er. Ich bin sehr stolz auf ihn, denn er macht einen hervorragenden Job! Die Show ist ziemlich heftig.

MI: In Europa gab es diese Sendung bis zur Mitte der 90er auch, durch die Show führte Vanessa Warwick. Was ist aus ihr geworden?

Sean: Vanessa Warwick? Kenn ich nicht. Bei uns wurde der Headbangers Ball früher von Ricky Rack moderiert, heute macht es Jamey. Ich weiß nichts darüber, vielleicht weiß es Jamey.

MI: Sein Label läuft gut? Würdest du neuen Bands raten, ihm Material zu schicken?

Sean: Oh ja das Label existiert noch, Jamey nimmt immer noch Bands unter Vertrag und alles scheint gut zu laufen. Bands können ihm auf jeden Fall Demos schicken, ich weiß, dass er sich alles anhört, was er bekommt. Manchmal braucht er etwas länger, aber er tut es. Sogar auf Tour hat er immer einen Stapel von Demos dabei, die er sich reinzieht. Es ist wirklich einen Versuch Wert. Ich würde allen Underground-Bands vor allem dazu raten, viel live zu spielen und ihr Zeug auch in die Staaten zu schicken. Es kostet Arbeit, aber wenn man Konzerte spielt und seine Demos an alle wichtigen Leute verschickt, klappt es eines Tages.

MI: Wie seid ihr damals an euren Plattenvertrag geraten?

Sean: Wir haben unseren Deal bekommen, weil Jamey sich den Arsch abgearbeitet hat. Wir sind viel getourt und haben uns eine Fangemeinde aufgebaut. Wir lebten für nichts anderes, als für die Musik, steckten jeden Cent in die Band und machten uns mit dem Business vertraut. Man muss die richtigen Leute kennen lernen und ihnen zeigen, dass man da ist.

MI: Macht es dich stolz, dass ihr scheinbar sowohl in der Metal-, als auch in der Hardcore-Szene ziemlich beliebt zu sein scheint?

Sean: Ja, das ist großartig. Unsere Einflüsse reichen vom traditionellen Metal bis hin zu Thrash Metal und Hardcore und es ist schön zu sehen, dass das bei den Fans ähnlich ist. Du siehst alles, vom Marilyn Manson-T-Shirts, bis hin zu Hardcore-Shirts. Es gibt keine Grenzen, was das angeht. Das ist cool und ehrt uns natürlich.

MI: Ihr habt in diesem und im letzten Jahr auf dem With Full Force-Festival gespielt, dort war mit Hardcore-Fans und den Metal-Normal-Verbrauchern quasi eure komplette Zielgruppe anwesend. Wie wars?

Sean: Es war unglaublich und eine große Ehre für uns, dort zu spielen. Immerhin handelte es sich um unser erstes wirklich großes Festival. Ich genoss es, mit einer Band wie Prong auf derselben Bühne zu spielen, die Jungs sind eine der wichtigsten Kapellen meiner Jugend. Six Feet Under und Soulfly spielten am selben Tag. Wir hatten eine tolle Zeit.

MI: Ihr seid noch ein paar Wochen auf Tour, was kommt danach?

Sean: Wir werden weiter touren, hoffentlich noch viele Alben machen und noch mindestens 20 Jahre lang existieren.

MI: Wie werdet ihr dann klingen?

Sean: Wie heute! Hahahahahaha! (cs)
 
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