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12.08.2004 The Dillinger Escape Plan
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MI: Ihr seid mit "Miss Machine" direkt auf Platz 106 der US-Billboard-Charts eingestiegen. Beachtlich für solch eine unkommerzielle Scheibe. Was gibt es über das Album noch zu erzählen?
Liam: Offensichtlich ist es die zweite Full-Length-Scheibe und wir sind aus verschiedenen gründen ganz schön aus dem Häuschen deswegen. In erster Linie, weil es ein Album ist, das die Band in einem festen Line-Up zeigt, mit dem wir mehr als zufrieden sind. Wie haben es geschafft, auf "Miss Machine" unsere Experimente aus der Vergangenheit in ein festes Fundament zu gießen und der Platte eine Art von Dynamik zu geben, wie sie unsere Songs an sich besitzen, eine Art von Fluss, der typisch für unsere Musik ist. Es mag vielleicht komisch klingen, aber die Musik ist sogar eingängiger geworden und ist weniger sperrig, als auf den anderen Scheiben. MI: Als ich euch vor zwei Jahren im Vorprogramm von System Of A Down im Hamburger Dock´s sah, war ich irritiert, ihr klangt wie ein wütender Haufen von Leuten, die noch nie zuvor ein Instrument in der Hand gehabt hatten und möglichst aggressive Musik machen wollten. Als ich kurz darauf "Irony Is A Dead Scene", eure EP mit Mike Patton am Gesang hörte, merkte ich jedoch, dass ihr sogar ziemlich gute Musiker seid. Was ist der Unterschied zwischen THE DILLINGER ESCAPE PLAN live und auf Konserve? Liam: (lacht) Ich denke, der Hauptunterschied ist, dass wir live einfach eine Spur aggressiver wirken, als das auf CD der Fall ist, besonders dann, wenn man mit unserer Musik noch nicht sonderlich gut vertraut ist. Unsere Songs brauchen Zeit und das ist auch die Erfahrung, die wir auf Tour gemacht haben. Ich glaube, wenn man uns nicht kennt und eines unser Konzerte besucht, kann das schon eine relativ schockierende Erfahrung sein. Es ist etwas anderes uns dort auf der Bühne zu sehen, als das zu hören, was wir sitzend und hochkonzentriert im Studio aufs Band gebracht haben. Vielleicht kann man unsere Auftritte nur verstehen, wenn man die Platten kennt. MI: Wie kam es eigentlich zu dieser ersten großen Tour durch Europa mit System Of A Down? Liam: Daron, der Gitarrist ist ein verdammt großer Fan harter Musik und mag uns, das ist in erster Linie der Grund, warum wir die Tour spielen durften. Die Jungs waren zu der Zeit verdammt groß und eigentlich sind sie das immer noch. Alle Dates waren bereits komplett ausverkauft und so brauchten sie nicht noch eine Band, die half, Tickets unters Volk zu bringen, also konnten sie mitnehmen, wen immer sie wollten. Als sie uns anriefen, war das wohl das letzte, was wir je erwartet hatten. Sie waren fasziniert von dem, was wir taten und das ehrte uns sehr. Sie gaben uns ein kleines bisschen von ihrem Erfolg ab, darüber bin ich nach wie vor sehr glücklich. MI: Wie sahen die Reaktionen vom Publikum aus? Stilistisch passt ihr ja eher nicht zu den Neumetallern. Liam: Wann immer wir in solch eine Situation kommen, fragen wir uns, ob es möglich wäre, zumindest zehn Prozent des Publikums zu überzeugen. Wenn uns das gelingt, wenn nur zehn Prozent der Leute nach dem Konzert auf die Straße gehen und sich an unseren Namen erinnern können, ist das schon ein Erfolg. Und wer weiß, wer uns damals nicht ausstehen konnte, der wird sich heute an den Namen erinnern und vielleicht gefällt ihm ja "Miss Machine". Dann hört er vielleicht auch Alben wie "Calculating Infinity" oder "Irony..." mit anderen Ohren. Uns live zu sehen bedeutet einen sensorischen Overload. Es ist alles sehr energetisch und eine halbe Stunde gezwungen zu werden, unsere Musik zu ertragen, wenn man nichts härteres Als System Of A Down gewöhnt ist, kann bestimmt anstrengen. MI: Wenn man sich eure komplexen Musik anhört, ist nur schwierig nachvollziehbar, auf welchem Wege die Songs entstehen. Erzähl mal! Liam: Wir schreiben Songs auf sehr verschiedene Arten und Weisen. Das musikalische Wissen in unserer Band reicht von "Hey ich hab keine Ahnung von blöder Theorie, lass uns spielen" bis hin zu "können bitte mal diesen 23/34-Takt berechnen" und manchmal finden diese beiden Möglichkeiten Musik zu schreiben zusammen und es entstehen Songs. Die jazzigen Momente unserer Musik entstehen mit Sicherheit nach der zweiten Variante. Jazz scheint ohnehin die einzige Musik zu sein, in der es OK ist, wenn man an seinem Instrument fit ist. In der Rock-Musik ist das anders, wenn du gut bist, bist du cool, wenn nicht, bist du es auch und kannst deine Arbeit trotzdem gut machen. Wir stellen Regeln auf, die wir im nächsten Moment brechen und dieser Regelverstoß an der richtigen Stelle macht unsere Musik aus. Um eine vage Idee dessen zu bekommen, in welche Richtung sich Songs entwickeln, arbeiten wir auch oft am PC und schieben verschiedene Parts durch die Gegend. Das macht vieles einfacher. Wenn man jahrelang Musik hört und Magazine liest, kommt man irgendwann an einen Punkt, an dem man nicht mehr das findet, was man hören will. Dann ist es an der Zeit, seine musikalischen Fähigkeiten zu entwickeln und die Musik zu machen, die man hören möchte. Dabei versucht man immer, seiner Vorstellung so nahe wie möglich zukommen. MI: Du wirkst sehr zufrieden! Liam: Ja, das bin ich auch. Zufrieden, aber nicht sicher. Jeder Künstler, der mit seinem Werk zufrieden ist, verspürt diese leichte Unsicherheit bei dem, was er tut. Es gibt immer Dinge, die man unsicher beäugt, wie das Lächeln der Mona Lisa oder was auch immer. Mann kann sich trotzdem beruhigt zurück lehnen, sich verdammt gut fühlen und sich darüber freuen, gleichzeitig aber wird man immer ein wenig skeptisch bleiben. Im Schaffensprozess kann man sich noch zu sicher sein, aber wenn man das Resultat das erste Mal hört, weiß man nicht mehr, was man darüber denken soll. Man möchte das Publikum nicht enttäuschen. Wenn man dann aber so viel positives Feedback bekommt, wie wir gerade, dann schwindet das Gefühl der Unsicherheit, allerdings wird es nie wirklich weg sein. Wir sind stolz auf "Miss Machine", aber nicht egozentrisch stolz. Wir möchten nicht von Reaktionen der Leute enttäuscht werden und uns dadurch beeinflussen lassen, deshalb halten wir unseren Stolz in einem erträglichen Rahmen. Wenn mir jemand sagt, dass er meine Musik scheiße findet, könnte das direkten Einfluss auf die Musik an sich haben. Wir haben definitiv eine Menge unserer Seele in diese CD gesteckt, wissen aber auch, dass wir weiter hart arbeiten müssen und ruhen uns deshalb nicht auf guten Reaktionen aus. Ganz tief in unserem Inneren sind wir uns dessen bewusst, dass wir etwas genau so tun, wie wir es wollen und nicht, weil wir Millionen von Platten verkaufen möchten. MI: Das kann man euch buchstäblich anhören... Liam: Ja! Definitiv! Wäre es anders, würden wir nicht so sperrig klingen. Nimm mal Metallica als Beispiel. Die Jungs haben sich einfach zu lange auf ihrem Ruhm ausgeruht und wurden zu einer Farce. Ich will nicht, dass wir unseren Hunger verlieren, diesen Hunger, der auch für die vielen Line-Up-Wechsel verantwortlich war. Ich habe immer wieder die Frage gehört, ob Mike Patton eventuell ein festes Bandmitglied werden würde. Ich antwortete meistens mit "wahrscheinlich nicht." Er hatte so viele Projekte, dass er wahrscheinlich nicht hungrig genug gewesen wäre. Er war nicht jemand, der so viel Energie in unsere Band gesteckt hätte, wie wir selbst. Das hätte auch gar nicht funktioniert, immerhin war er noch in 20 anderen Projekten tätig. MI: Habt ihr oder Mike denn ernsthaft in Erwägung gezogen, ihn fest in der Band zu haben? Liam: Sicherlich geisterte allen diese Idee im Kopf herum. Auf der einen Seite hätte er sich geehrt gefühlt, dass wir ihn gewollt hätten, auf der anderen Seite wäre es eine große Ehre für uns gewesen, wenn er auch nur daran gedacht hätte. Beide Parteien wussten aber auch, dass es nicht unbedingt die beste Lösung gewesen wäre. Die Band war unsere Priorität und wir wollten sie nach vorne bringen. Wenn Mike als fester Sänger eingestiegen wäre, würde man bei uns heute von einem weiteren Patton-Projekt reden. Wir tun das, was wir wollen zu Zeiten, in denen wir es wollen. In dieser Situation jedoch hätten wir uns komplett auf Mikes vollen Zeitplan einstellen müssen und das wäre nie gut gegangen. MI: Wie seid ihr überhaupt an die Faith No More-Legende geraten? Liam: Wir haben uns auf der Tour mit Mr.Bungle kennen gelernt, kurz bevor "Calculating Infinity" veröffentlicht wurde. Prinzipiell entwickelte sich daraus eine gute Freundschaft und als unser damaliger Sänger die Band verließ und wir diverse Songs produziert hatten, war es ein fast schon natürlicher Gedanke, Mike zu fragen, zumal er zuvor erwähnt hatte, dass er gern einmal mit uns arbeiten würde. Wir hatten schon oft in Erwägung gezogen, ein Album auf seinem Label zu veröffentlichen und vielleicht war die Frage, ob er nicht jemanden wüsste, der nur aushilfsweise eine EP für uns einsingen könne, auch als eine Art Angebot an ihn gedacht. Die Arbeit mit ihm war für alle Beteiligten absolut lohnend und wir haben eine Menge von Mike gelernt. MI: Nach Einflüssen oder musikalischen Background einer Band zu fragen, ist eigentlich schon fast obligatorisch, bei THE DILLINGER ESCAPE PLAN jedoch sogar von elementarem Interesse... Liam: Musik fasziniert mich und hat sehr viel mit Launen zu tun. Ich habe schon immer auf Bands gestanden, die komplexe Musik mit durchdachten Songstrukturen gemacht haben, ohne dabei unnötig überladen zu klingen. Aber –ohne abwertend klingen zu wollen- auch einfacher gestrickte Musik wie die von Metallica oder Slayer hat mich unheimlich beeinflusst. Diese Bands haben großartige Songs geschrieben. Mit dem Alter kamen dann auch Sachen wie Nine Inch Nails oder Radiohead dazu. Künstler, die es schafften, elektronische Einflüsse mit klassicher Rockmusik zu vermischen und ihr eigenes Genre zu erfinden. Auch reine Elektro-Bands wie Aphex Twin üben mittlerweile einen ausgeprägten Reiz auf mich aus, da es sich dabei um perfekte, saubere, klare und mechanische Musik handelt. Bands wie wir oder Meshuggah haben einen ähnlichen Anspruch an ihre Musik. MI: Wie sieht die lyrische Seite eurer Musik aus? Liam: Greg schreibt 90% unserer Texte, aber ich kann sagen, dass wir definitiv keine politische Band sind. Ich bin zwar politisch sehr interessiert und es ist mir wichtig, zu wissen, was weltpolitisch, vor allem aber auch in Amerika los ist, denn das ist mittlerweile schon wirklich erschreckend. Je mehr ich in Europa unterwegs bin, desto mehr verstehe ich die Art, wie Amerika immer mehr vom Rest der Welt gesehen wird. Auf der anderen Seite habe ich nie das Bedürfnis gehabt, die Band als eine Art Sprachrohr für meine politischen Meinungen zu nutzen, mich haben Bands wie Earthcrisis immer genervt, die Politik zur Priorität gemacht und dabei die Musik vergessen haben. Gruppen wie Fugazi hingegen, die ohne Zweifel politisch sind, haben einen Weg gefunden, es funktionieren zu lassen. Sie sind weniger plakativ. Unsere Texte beschäftigen sich eher mit Zwischenmenschlichkeiten und mit der Beziehung zwischen Menschen und Maschinen heutzutage. Das ist aber nicht unsere Priorität und wir haben in dem Sinne keine Message, die wir zu den Leuten bringen wollen. Außerdem fühle ich mich geradezu unwohl, zu viel darüber zu reden, denn die Texte sind zwar ein Teil meiner Band, aber eben nicht unbedingt meiner. (cs) |
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