Interview

31.10.2005 Annihilator
 
"All For You" war ein solides, wenn auch nicht ganz typisches ANNIHILATOR Album, das, laut Mastermind Jeff Waters seine guten und seine weniger guten Seiten hatte. Hat man letztes Jahr vielleicht noch gedacht, dass die Kanadier mehr auf die melodische Schiene wechseln würden, hauen Watters, Padden & Co nun mit "Schizo Deluxe" eine Scheibe raus, die aufgrund ihrer Heaviness und dem enormen Aggro-Potenzial überraschen kann. Jeff Waters himself erzählt, warum die neue Scheibe so geworden ist, wie sie ist und warum sich Sänger Dave Padden dieses Mal viel besser einbringen konnte.
Hallo Jeff, von wo aus rufst du an?

Äh, zunächst einmal sorry, dass ich so spät dran bin, ich bin soweit hinter meinem Terminplan zurück, weil ich ein so großes Mundwerk habe und einfach zuviel rede. Ich bin gerade in Berlin und das Wetter ist scheiße.

Das neue Album "Schizo Deluxe" steht an, was gibt’s zu berichten?

Ich mache gerade die Promoarbeiten und bin ganz erbeut über unser Label, dass sehr viele ausländische Journalisten hat einfliegen lassen, ich richtig gut finde. Viele hatten die CD noch nicht gehört, also gab es eine Listening Session, deren Ausgang ich als sehr positiv empfand.

Die Reaktionen waren also durchweg gut.

Das gute an der Tatsache, dass man die ganzen Jahre unterwegs ist, ist, dass man die ganzen Journalisten kennen lernt und die dann auch ehrlich und aufrichtig mit dir umgehen, im Gegenzug, kann ich auch damit umgehen, wenn mal jemanden etwas nicht gefällt. Was ich gut fand war, dass alle ziemlich überrascht gewesen sind, als sie das Album gehört hatten. Viele hatten wohl nach "All For You", ich würde mich jetzt noch melodischeren Sachen widmen. Was vielleicht auch unerwartet gekommen ist, ist die Tatsache, dass es auf der neuen CD keine Ballade mehr gibt. Seit mehr als zehn Jahren hab ich auf jedem Album mindestens eine Ballade gehabt, aber dieses Mal hab ich es einfach gelassen. Ein Unterschied zum Vorgänger liegt aber auch darin, dass Dave Padden, der ja eigentlich immer noch ziemlich "neu" ist - wie viele meiner Sänger neu sind und einer sogar vorher Gitarrist gewesen ist(…), ist unglaublich relaxed an die Sache herangegangen und wusste genau, was zu tun ist. Er wusste auch, dass er keinen Grund hat, irgendwie nervös zu sein oder ähnliches und ich habe ihn auch nicht unter Druck gesetzt. Er bringt nun viel mehr von sich ein und musste auch nicht fünf verschiedene Stile intonieren, wie auf dem "All For You" Album, wo ich in jedem Song etwas anders von ihm verlangt habe. Dieses Mal waren wir uns einig, ihn machen zu lassen, was er machen will, damit er auch mehr von seiner Technik und seinem Stil mit einbringen kann und er hat einen verdammt guten Job gemacht und viel mehr Heaviness übermittelt. Dann das Drumming, Mike Mangini, war ein wahrer Drum God. Er hatte ja schon bei "Set The World On Fire" und beim letzten Album mitgemacht aber Tony Chappelle, der dieses mal an den Drums war, hat eine Superleistung hingelegt. Durch ihn klingt "Schizo Deluxe" so hart.

Besser als noch mit Randy Black…?

Ich habe ja schon mit vielen Schlagzeugern zusammen gearbeitet, sie alle hatten ihre Qualitäten aber Randy Black war so etwas wie eine menschliche Maschine. Er war so tight, konnte perfekt auf den Punkt kommen. Er war einfach der perfekte Drummer für einige meiner Alben. Ray Hartmann hatte das beste Feeling von allen und Mangini ist eben der technisch beste Drummer, den ich jemals finden konnte. Tony ist eben die die beste Kombination aus allen bisherigen ANNIHILAOR Schlagzeugern.

Die neue Scheibe geht wieder back to the roots, während die letzten Alben ja vergleichsweise experimentell ausgefallen waren. Wenn du mal zurück schaust, bis du zum Beispiel noch mit "All For You" zufrieden?

Ja, bin ich. Während meiner ganzen Karriere hatte ich auf meinen Alben Songs, die richtig stark waren und Songs, die noch so stark waren und ich habe Songs, die in dieser Schnittmenge zu finden sind, also einfach gute Songs. Wenn ich mir meine Lieblingsbands wie Slayer, AC/DC, Judas Priest oder Iron Maiden anschaue, dann stell ich fest, dass nicht jedes Album ein richtig klassisches Album ist, dass nicht jedes Album richtig stark ist. AC/DC haben zum Beispiel nicht 15 "Back In Blacks", sie haben ein "Back In Black", dann ein "For Those About To Rock" und dann einen Haufen guter Alben. Es ist einfach unmöglich, zehn Klassiker zu schreiben und das gilt auch für "All For You", "Set The World On Fire" und für einige andere meiner Alben. Manche Leute sagen eben, dass ein Album leiben, andere sagen, dass sie es hassen, so ist das nun mal. Über "All For You" kann ich nicht viel Schlechtes sagen, denn dieses Mal haben viele Fans dieses Album gekauft und wenn sie es gekauft haben und es ihnen gefällt, dann tu ich mich etwas schwer damit zu sagen, dass es ein schwaches Album sei. "All For You" hatte starke Momente und auch schwache Momente.

Kann man "Schizo Deluxe" und die Tatsache, dass es eben wieder zurück zu den Wurzeln der band führt, darauf zurückzuführen, dass es praktisch eine direkte Antwort auf "All For You" ist?

Es gibt vier Dinge auf dem Album, die es ein wenig mehr heavier oder gar back to the roots erscheinen lassen: Zum einen ist da der Sänger- die Tatsache, dass er keine fünf verschiedenen Stile singen muss und auch, dass er keine Balladen singen muss, sondern, dass er einfach seinen eigenen, aggressiven Stil pflegen kann, hat den Effekt, dass das Album heavier klingt. Dann habe ich wirklich sehr viel Zeit mit dem Drumparts und eben mit Tony verbracht und so haben wir schon zwei elementare Faktoren in einer Band, den Sänger und den Drumer, die anders klingen. Dazu hab ich mich dieses Mal selber richtig gepusht, was die Soli und die Rhythmus-Gitarre angeht, wie ich es lange nicht mehr getan habe. Das war praktisch so, wie in den Anfangstagen von ANNIHILATOR. Und der vierte Grund ist ganz einfach, dass ich auf eine Ballade verzichtet habe. Wenn zum Beispiel Track 4 und Track 8 Balladen wären, dann würde die ganze Stimmung des Albums anders aussehen und die Energie ginge verloren. Tja, und eigentlich gibt es sogar noch einen fünften Grund, denn dieses Mal, hab ich das Mixen wem anders überlassen, der unvoreingenommen und mit frischen Ideen an die Sache herangegangen ist und zudem auf diesem Sektor über mehr Erfahrung verfügt. Das war ein sehr wichtiger Schritt für mich, da dieses Album so wichtig für mich ist, dass jemand anderes sich daran versuchen sollte. Nach den Aufnahmen bin ich immer völlig platt, überarbeitet und weiß überhaupt nicht mehr, was ich tue, so dass es definitiv die richtige Entscheidung gewesen ist. Ich hab das dann als Supervisor nur überwacht. Um zum Thema zurück zu kommen: es ist nicht back to the roots, da der Gesang , das Drumming und auch die Gitarren anders sind, aber es ist mehr Leben in der Bude.

Was hat es eigentlich mit dem Titel auf sich, bezieht der sich direkt auf den musikalischen Gehalt der Platte?

Es gibt ungefähr drei Bedeutungen. "Schizo" steht für eine gespaltene Persönlichkeit, was in der Tat eine gute Bezeichnung für ANNIHILATOR ist. Zum anderen ist dieser Titel für ein paar wahrlich gute Fans ausgesucht worden, die regelmäßig meine Website besuchen "Schizo" bezieht sich auf diese Fans, die den Spitznamen Schizos tragen und "Deluxe" soll bedeuten, dass dieses Album eines meiner besten ist, und es für die Fans ist.

Was inspiriert dich beim Songwriting, was treibt dich an?

Ich schaue eigentlich nur fern und lese Zeitung und schreibe mit Wörter und Zeilen raus, die einen Titel ergeben könnten. Ich hab da so eine richtige Liste, mit bestimmt 200 Titeln oder so, die ich regelmäßig ausmiste. Das inspiriert mich auch für die Lyrics, mehr mache ich da eigentlich nicht. Dann kommt die Musik, und die hängt auch von meiner derzeitigen Lebenssituation ab. Wenn ich sauer bin, kann da auch schon mal ein richtig böser Song bei rauskommen, oder wenn mich etwas runterzieht dann auch eine dieser Balladen. Es kommt eben immer drauf an, was gerade so im Leben passiert. Wenn es mir richtig gut geht, ich keinen Stress habe, dann kommt es vor, dass ich wie ein normaler Berufstätiger morgens um 8 Uhr in meinem Studio bin und an neuen Songs arbeite, die in der Situation eigentlich immer recht schnell und sehr thrashy ausfallen. So ist es auch ein bisschen beim neuen Album gewesen, obwohl dort auch böse Gedankengänge zu finden sind, ich denke, ich war emotional recht ausgeglichen, als sich es geschrieben habe.

Gibt es einen Song auf dem Album, den du besonders magst?

Ich denke, der Song, der den meisten Fans gefallen wird, ist "Maximum Satan". Was mein Gitarrenspiel angeht, finde ich ein paar Songs richtig gut, zum Beispiel "Drive". Dann gibt es richtig gute Tracks, was den Gesang und was das Drumming angeht. "Maximum Satan" ist aber irgendwie das Kernstück, es ist keine Ballade, es ist kein Thrash Metal, es ist eben eine sichere Nummer, die auch Vibes von Slayer und Metallica aufgreift. Ansonsten halte ich die ersten sieben Songs insgesamt für richtig gelungen, weil sie coole Vocals haben, voller Energie sind, die Gitarren super passen und das Drumming perfekt ist. Die letzten drei sind etwas anders. Die ersten Sieben brettern ohne Pause durch, das wird den Leuten gefallen, deshalb hab ich die drei Tracks, die nicht ganz in dieses Schema passen ans Ende gestellt.

Was hat es mit "Maximum Satan" auf sich?

Wenn man positiv eingestellt durchs Leben gehen will, gibt es viele Dinge auf dieser Welt, die so etwas bewirken können, wenn man dann aber täglich Zeitung liest, sich nachrichten anschaut, dann gibt es auch eine Menge negatives, was über einen hereinbricht. Wenn man nur Zuhause hocken will, und dem Leben gegenüber negativ eingestellt sein will, dann gibt es vieles, was einem dabei "behilflich" ist. Es hängt viel von den Medien ab, wie sich Sachverhalte darstellen und sie stellen sie häufig so dar, wie sie in Wirklichkeit gar nicht sind. Das soll "Maximum Satan" ausdrücken, ich wollte den Teufel in den Medien zeigen.

Kommen wir noch einmal kurz auf Dave Padden zu sprechen - wie zufriedne bist du mit seiner bisherigen Entwicklung?

Als er gerade frisch in der Band war, hier es nur:"okay, du bist der neue Sänger von ANNIHILATOR, wir gehen jetzt ins Studio und nehmen ein paar Songs auf." Ich hab die Songs geschrieben, sie ihm gegeben und ihm gesagt, wie er sie interpretieren solle. Die Songs waren alle verschieden und er hat sein bestes gegeben, um sie umzusetzen. Es hat auch funktioniert, es war okay. Mittlerweile ist es anders für Dave, wir haben die Songs, wie schon gesagt, auf zwei verschiedene Stile beschränkt, mit denen er glücklich ist. Und wenn man als Sänger nicht glücklich ist mit dem, was man macht, dann merkt man das in der Performance. Was das betrifft, ist er jetzt ein ganz anderer Typ von Sänger geworden.

Wird er denn auch länger als für zwei Alben bei ANNIHILATOR bleiben. Deine Sänger hatten ja nie eine wirklich lange "Überlebensdauer"?

Ja, das wäre nicht schlecht, allerdings hätte ich früher mit Randy Rampage liebend gerne "Alice In Hell pt.2", "Alice In Hell pt. 3" usw. gemacht, allerdings hätte es dann kein "Never, Never Land", kein "King Of The Kill", kein "Carnival Diablos" und kein "Schizo Deluxe" gegeben.

Jeder Sänger ist eine neue Chance…

Richtig, wenn man sich bewusst wird, dass man nicht jeden Song, nicht jedes Album und auch nicht jeden Sänger ewig mögen muss, dann ist man irgendwann soweit, dass man den Blick nach vorne richten kann, um zu gucken, was einem wohl gefallen mag. So läuft das eben bei ANNIHILATOR.

Zum Schluss, wann gibt’s ANNIHILATOR wieder live zu sehen?

Ich habe versucht, noch etwas für den Herbst zu organisieren aber das hat nicht ganz hingehauen. Ich denke mal, dass es im nächsten Jahr was werden wird. Ich würde gerne den ganzen Sommer über in Europa und natürlich besonders gerne in Deutschland spielen. Das wäre auch für Dave Padden ideal, weil er die Erfahrung bekommen muss, um sich weiter zu entwickeln. (lk)

 
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