Specials

Tourtagebauch Tristania, Vintersorg, Rotting Christ
und Madder Mortem

Probably the shortest gay-tour in the whole wide world! In den Hauptrollen: 13 Norweger, fünf Schweden, fünf Griechen, fünf Deutsche, zwei Engländer, ein Belgier, ein Holländer Statisten: Becks, 200 Liter Jägermeister und diverse andere Spirituosen, Holsten, 100 Stangen Zigaretten, Jever, Zahncreme für Raucher, eine geile Apfelsine

24.09. Hamburg, Markthalle
Hamburg, Regen, die Frisur sitzt. Gegen halb sechs erreiche ich die Markthalle, wo ich zunächst mal von Tourmanager Marco freudig in Empfang genommen werde. Zwei Minuten später stecke ich mitten im Tourgeschehen. Tristania-Sängerin Vibeke fragt mich, was es zu Essen gibt, die Jungens und das Mädel von Madder Mortem plaudern aufgeregt von ihren vergangenen Auftritten und Busfahrer Steve versorgt mich mit Bettwäsche. Lichtmann Hille (er wird von Drum-Roadie Carlo liebevoll "Probably the best drummer in the whole wide world" genannt, weil er beim Soundcheck die Trommelstöcke schwingt) zeigt mir mein Quartier im Bus und weist mich in die Goldenen Regeln des Nightliner-Fahrens ein: Nicht ins businterne Klo kacken (nur im äußersten Notfall, aber auch dann sei ein adäquates Behältnis, zum Beispiel ein Aschenbecher zu bevorzugen), immer die Türe schließen und sich zumindest nicht ohne vorherige Absprache in fremde Betten legen. Nachdem ich vorsorglich schon mal den Weg zu meiner Koje von Koffern und Taschen befreit habe (später sollte ich mir selbst dafür danken), begebe ich mich zurück in die Halle, wo ich zunächst mal mit ein paar Freunden auf die nächsten Tage anstoße und schließlich beginnt auch schon die Show mit dem Auftritt von Madder Mortem. Die fünf sympathischen NorwegerInnen können allerdings am dritten Abend ihrer ersten Tour nicht wirklich überzeugen. Zu komplex ist ihre Musik und zu spartanisch fällt im Gegenzug ihr Stageacting aus, dazu kommt, daß Soundmann Luc ein wenig mit der mittelmäßigen PA zu kämpfen hat.

Bei Vintersorg hingegen ein gänzlich anderes Bild: Die Halle gewährt mittlerweile circa 420 Gästen Obdach und der Sound ist merklich besser. Die Schweden rocken extrem gut, das Publikum geht auch ganz ordentlich ab und ob nun "För Kung Och Fosterland", "Ödemarkens Son" oder "Algol", zwar versteht keiner die Texte, trotzdem singen alle mit und feiern was das Zeug hält. Den während des Gigs diverse Male geforderten Mega-Hit "Till Fjälls" spielen die Elchtöter dann natürlich auch noch und somit dürften alle Anwesenden zufrieden gewesen sein.

Rotting Christ hauen mich danach ganz und gar nicht um. Zwar klingt alles extrem besser als bei den beiden anderen Kapellen, die Show jedoch bietet kaum Höhepunkte und auch die coolen Songs wie "King Of A Stellar War" oder "After Dark I Feel" reißen heute nicht wirklich jemanden vom Hocker. Zu flach kommt die Musik der Griechen herüber und klingt irgendwie gänzlich unmotiviert.

Nach einer kurzen Umbaupause und einem noch viel kürzeren Intro gehen Tristania an den Start. In der Menge klaffen mittlerweile schon recht ansehnliche Lücken. Kein Wunder, denn gruseliger Weise hat die Woche gerade angefangen und mittlerweile bewegt sich der kleine Zeiger meiner Uhr hart auf die Zwölf zu. Das mindert jedoch nichts an der Qualität der Show, denn Tristania geben sich gewohnt versiert, Soundmann Luc glänzt zum ersten Mal durch perfekte Arbeit und Licht-Tech Hille sorgt durch Stroboskob-Dauerfeuer für die Freisetzung von ca. zwölf Tonnen an Glückshormonen. Hier und da sieht man aufgrund der Anwesenheit von Vibeke wie erwartet offene Münder bei sonst hartgesottenen Kuttenträgern und im Gegenzug kritische Blicke aus der metallenen Damenfront. Sogar Lahme werden beim Anblick der hübschen Sängerin wieder flink, so schmeißt ein mit Gehhilfen angereister Kollege eben diese einfach weg, trotzt seinem zerfetzten Miniskus und tänzelt in die vordersten Reihen um Vibeke einen Heiratsantrag zu machen.

Nach dem Auftritt soll dann auch die Feierei nicht zu kurz kommen. Schnell sind im lokalen Metal-Club, dem Headbanger´s Ballroom, zwei Stiegen Pils geordert und nach und nach finden sich die meisten Musiker und Crew-Mitglieder dort ein. Eigentlich war für diesen Abend ein "Meet and Greet" mit Edguy anberaumt, doch die haben bereits das Feld geräumt und alles, was von einem sehr Power Metal-lastigen Themenabend übrig ist, manifestiert sich in der Plattentasche des DJ´s. So kommen die Anwesenden wenigstens mal wieder in den Genuß alter Maiden-Scheiben, was aber auch nicht wirklich wichtig ist, denn genossen hat man inzwischen vor allem diverse Alkoholika und somit relativiert sich die Wichtigkeit von Hintergrundsmusik. Vintersorg-Drummer Dr.Jägermeister (kein Mensch weiß, wie der wirklich heißt) schmeißt fröhlich Barhocker um, die Griechen erkundigen sich nach dem Weg zur "Reppaban", um ordentlich Gyros zu spachteln und Tristania üben sich derweil in lustigen Trink-Ritualen. Als es dann aber irgendwann die Langeweile überhand nimmt, greift man auf den Schreiberling zurück und läßt sich in den Kaiserkeller (Tanzclub mit größtenteils Alternative/Metal-Programm) führen. Auf dem Weg dorthin läuft uns ein ca. 2,30m großer Mensch über den Weg, der selbst für seine Größe einige hundert Biere zu viel intus hat und ein fröhliches Liedlein trällert. Im Vorbeigehen wird es plötzlich schrecklich ruhig in der lustigen Gruppe und nur Tristania-Schlagzeuger Kenneth fällt etwas zu diesem Menschen ein: "Tse...Short Guys!" Jetzt ist alles verloren und die ganze Meute bricht in schallendes Gelächter aus. Hille und ich haben sichtlich Mühe, die Gruppe zusammen zu halten, dennoch schaffen wir es bis zum "Kaiserkeller". Eine Stunde später werden wir dort jedoch schon wieder rausgeschmissen, um 4 ist halt Ladenschluß. Da bis zur Abfahrt der Busse eh noch drei Stunden Zeit sind, gibt sich das internationale Musikantengrüppchen im "Lehmitz" den letzten Rest. Vibeke und ich testen uns durch die widerlichsten Mixgetränke (Jägermeister/O-Saft ist gar übel), Gitarren-Tech Andy schläft neben uns auf der Bar und als irgend jemand die Juke-Box mit "Bohemian Rhapsody" von Queen füttert, feiert alles in bester "Wayne´s World"-Manier...KULT! Gegen Sieben geht die Party im Bus weiter...

25.09. Berlin, Razzle Dazzle
Berlin, Nebel, die Frisur könnte besser sitzen. Nachdem man sich morgens erst um 9 Uhr in die Betten gequält hatte, fällt das Aufstehen gegen zwei Uhr Nachmittags ein wenig schwer. Während ich mir die Zähne putze, ist die Crew schon kräftig am Aufbauen. Vibeke, die nicht nur halbwegs eine Nacht durchgemacht, sondern dabei auch noch zehn Schachteln Zigaretten geraucht hatte, sieht ein wenig fertig aus und es fällt mir schwer zu glauben, daß die gute Frau am Abend ähnlich gut singen würde, wie man es von ihr gewohnt ist. Als ich genüßlich meinen Kaffe schlürfe, packt Rotting Christ-Sänger Sakis über seinen Wehrdienst, bzw. über seine erfolgreiche Verweigerung aus. In Griechenland müssen eigentlich alle Männer zum Dienst und ohne guten Grund ist eine Verweigerung kaum möglich. Sakis jedoch ließ sich kurzerhand einen Bart wachsen, die Haare verfilzen und gab sich als Obdachloser aus. Seine Mama spielte das Spiel mit, leugnete jeden Kontakt zu ihm und so war er ausgemustert. Ich wünschte, ich wäre so originell gewesen.

Nach dem Frühstück breche ich mit den Madders zum Sight-Seeing auf. Pünktlich zum Soundcheck gegen fünf liefere ich die Band wieder an der Halle ab und während Tristania Frontzwerg Kjetil der Merchandise-Franzi die Verspannungen im Nackenbereich löst, mampfen die Griechen lecker Nudeln mit Gulasch. Als Madder Mortem um halb neune auf die Bühne gehen, ist eines klar: Im Vergleich zu Hamburg hat die Band heute einen wirklich guten Tag. Die Musiker haben sichtlich Spaß an ihrer Sache, hüpfen sich ordentlich einen ab und auch Sängerin Agnete gibt Vollgas. Das Publikum scheint dies zu merken und geht ebenfalls ganz gut mit. Vintersorg sind an diesem Abend einfach nur göttlich. Die Band gibt alles, der Sound ist glasklar und die Menge frißt den Schweden einmal mehr aus der Hand. Selbst als Mr. Vintersorgs Baßgurt reißt, geht die Show weiter und Gitarren-Tech Andy versorgt den Frontmann während des Songs mit einem neuen.

Auch Rotting Christ gefallen mir heute richtig gut. Alle Stücke rocken komischer Weise zehn mal mehr als am Vortag und sowohl Band als auch Zuhörer haben sichtlich Spaß. Sakis und Co. wirken tight wie hulle und scheinen einen Großteil ihrer Zurückhaltung innerhalb eines Tages komplett abgelegt zu haben. Während ich dann so am Merchandise Stand sitze und mich berieseln lasse, steht plötzlich ein großer langhaariger Mensch vor mir und sagt:"Hi!" Ich denke mir:"Nein, ich verkaufe hier nix, ich sitze hier bloß, geh bloß weg...!" Als der große Unbekannte dann jedoch noch ein:"Hallo Christoph...Ich Jan!" hinterher wirft, fällt es mir wie Schuppen vom Fisch und ich freue mich, den Herrn Fischer vom Legacy zu begrüßen.

Meine Güte, war ich durch den Wind. Weder Kaffee, noch Zigaretten, noch schöne Frauen hatten meinen Schlafmangel kompensieren können und jetzt erkannte ich den Jan nicht. Möge er mir vergeben... Bei Tristania wird es dieses Mal nicht leerer, sondern eher ruhiger. Die Leute scheinen zunächst eher bedächtig zu lauschen, doch nach und nach wird der Applaus euphorischer und die Bewegung nimmt zu. Die Norweger sind zwar erneut fit und heizen der Meute ordentlich ein, doch die Gewinner des Abends heißen eindeutig Vintersorg. Nach dem Gig ist dann Norwegisch-Lernen angesagt. Agnete und BP erweisen sich als tolle Lehrer und Luc und ich sind unheimlich brave Schüler. Die gesamte Skandinavien-Front liegt vor Lachen gekrümmt am Boden, als wir versuchen, norwegische Wörter nachzusprechen. Zuerst lernen wir:"jävlig bra appelsin!", was soviel heißt wie:"Verdammt geile Apfelsine!" Kein Zweifel, daß ich jetzt im fremden Land viel besser klar kommen würde. Komplettiert wird mein Grundwortschatz durch "Öl", was natürlich "Bier" heißt und "tandkrem for rökare", was man am besten mit "Zahncreme für Raucher" übersetzt. Als ich mich wenig später zu den feiernden Tristania-Leuten setze und mit "Jävlig bra Tandkrem for Rökare" eröffne, kippen gleich zwei vor Lachen um....komisch. Nach diversen Gläschen Baileys ist es dann auch schon wieder gegen Fünf und meine Koje ruft.

26.09. Bischofswerda, East Club
Bischofswerda, klirrende Kälte, die Frisur ist hin. Nachdem unsere beiden Fahrer, die witziger Weise beide Steve heißen, ca. eine Stunde die Venue gesucht haben, fallen wir wieder gegen 14:00Uhr aus den Betten. Nach einem wirklich leckeren Frühstück (dickes Lob an die Leute vom East Club!) machen wir es uns Backstage vor dem Fernseher gemütlich und schauen MTV. Die vergangenen Tage haben deutliche Spuren hinterlassen, so bringt Vibeke keinen Ton heraus und auch alle anderen leiden irgendwie an Ermüdungserscheinungen.

Müdigkeit scheint für die Crew ein Fremdwort zu sein und während die Musiker-Front Backstage vor sich hin schwächelt, bauen die Technik-Jungs schon kräftig auf und Luc macht sich mit der etwas eigentümlichen Anlage vertraut. Er wirkt nicht gerade optimistisch, was die Qualität der PA angeht und prophezeit mir einen miesen Sound. Beim Tristania-Soundcheck bin ich dann jedoch mehr als positiv überrascht, klingt doch alles recht klar und fett. Der Abend verläuft enttäuschend unspektakulär für alle Bands. Das Publikum macht keine Anstalten, sich zu bewegen und als Madder Mortem starten, steht man weiter hinten zwar dicht an dicht, doch vor der Bühne sieht man nichts als gähnende Leere. Obwohl Agnete wiederholt zum Aufrücken animiert, ändert sich an der Situation nicht wirklich viel. Schade, denn die Band gibt alles.

Bei Vintersorg füllen sich auch die Reihen direkt vor der Bühne und nach den Songs kann ich sogar Applaus zu vernehmen. Ganz klar kommen die Gewinner dieses Abends erneut aus Schweden. Bei Rotting Christ lichten sich die Reihen, aber die Stimmung geht zumindest in Ordnung. Über den Sound kann entgegen allen Vermutungen niemand meckern und die Griechen liefern erneut eine gelungene Show ab. Als Tristania zum Tanz bitten, hat das Auditorium schon wieder deutlich an Volumen verloren, zwar werden die Reaktionen der kleinen Gemeinde von Song zu Song besser, aber in letzter Konsequenz kommt nicht wirklich viel. Auch der Band merkt man an, daß sie an der Situation zu knabbern hat und so läßt man heute sogar die Zugabe weg. Am Merchandise-Stand ereilt mich derweil ein mittelmäßiger Schock, steht mir doch ein Herr mit "Absurd"-Shirt gegenüber. Nicht genug, daß irgendwelche Gehirn-Nihilisten gewisse Proberaum-Aufnahmen als Kultobjekte vertickern, nein, nun werden auch noch aufwendige Shirts gedruckt auf denen man dann lesen kann:"...und wir alle glauben, Deutschland, an Dich!" Wunderbar! Ich laß mir ´n Hitler-Shirt drucken, der hat bestimmt auch mal gesungen. Herr, schmeiß Hirn vom Himmel! Nachdem ich ausgiebig gekotzt habe, ist auch schon Abfahrt angesagt, denn bis Trier sind es einige hundert Kilometer und unsere Busse sind nicht die schnellsten. Nach kurzem Zwischenstop an der nächsten Tanke geht es dann an das letzte lustige Beisammensein dieser Tour für mich. Tristania beschließen, daß wir in einem Bus voller Homosexueller sitzen, kombinieren diese Feststellung mit dem "Short-Guy" aus Hamburg und somit steht das Motto der kommenden Wochen fest: "Probably the shortest gay-tour in the whole wide world". Am nächsten Tag verlasse ich die Tour in Trier und mache mich traurig auf meinen langen Heimweg nach Hamburg. Drei großartige Tage mit großartigen Leuten! (cs)

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