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Listening Session Human Fortress

Mit über einer Stunde Verspätung aufgrund diverser Orientierungsschwierigkeiten erreichten wir (Lars K. war auch anwesend) die Wohnung von Torsten Wolf, wo er uns nebst dem zweiten Gitarristen Volker Trost das neue Album präsentierte. Aufgrund organisatorischer Schwierigkeiten stand eine Session im Studio nicht zur Verfügung, so daß wir das Album quasi "praxisgetestet" über die heimische Anlage zu hören bekamen. Der Eindruck daraus ist natürlich im Endeffekt realistischer als bei einer ultrateuren Studioquetsche. Und ab geht die Post...

Der Opener "Knights In Shining Armor" ist ein Midtempokracher mit typischem Openercharakter. Kurz, knackig und mit einem tollen Mitgrölrefrain ausgestattet, macht er Lust auf mehr. Bereits hier fällt der sehr gute Gesang von Jioti Parcharidis auf, der (glücklicherweise) nicht in triefenden Pathos verfällt. Klasse!

"Defender Of The Crown" kehrt dann gleich den Bombastfaktor der Band hervor. Das Keyboardintro gibt die Marschroute für einen unterschwellig harten Midtemposong vor, der durch einen ebenfalls sehr guten Chorus und -natürlich- Chöre besticht. Auch hier sind Rhapsody-Panikattacken nicht angebracht.

"Colosseum" ist eigentlich kein echter Song, sondern ein Intro für das nachfolgende "Gladiator Of Rome". Durch die antike Melodie denkt man an den Einmarsch der Gladiatoren in die Arena. Danach gehts richtig ab. "Gladiator Of Rome" kann als eines der Highlights des Albums gewertet werden. Absolut bangerfreundlich drönt eine Power Metal-Granate mit sehr einprägsamer Lead-Gitarre durch die Boxen, bei der Jioti in Sachen Höhe teilweise fast schon in King Diamond-Regionen vorstößt und seine Klasse komplett ausspielt. Allerdings ist der atmosphärische Song kein Easy-Listening-Futter, sondern erfordert mehrmaliges Hören, da er anfangs recht sperrig erscheint. Spätestens hier wird endgültig klar, dass keine unbeholfene Newcomerband am Werk ist, sondern eine Horde Profis, die auch vor komplexeren Songstrukturen nicht zurückschreckt.

Danach gehts thematisch wieder ins Mittelalter, was man bereits am Titel "Holy Grail Mine", dem Titelsong des Albums, deutlich erkennen kann. Aber auch diesmal hat die "Tralala-Fraktion" Pech, da hier anstatt von triefendem Pathos ein doublebase-befeuerter, speediger Knaller geboten wird. Zwar gibts auch mehrstimmigen Gesang mit schönen Melodiebögen im Refrain (inklusive Kopfstimme), aber trotz seiner Mitsingkompatiblität ist in Sachen Pomp nicht dick aufgetragen worden.

"Border Raid In Lion's March" kommt mit einem Intro daher, das an einen mittelalterlichen Spielmannszug erinnert und bietet über die gesamte Spielzeit Soundtrackqualitäten. Der Midtemposong bietet fette Chöre und echte, keine gesampleten Geigen. Weiterhin bekommt man einen Marsch im Mittelteil zu hören und allgegenwärtig ist hier ebenfalls eine überaus gute Gesangsleistung. Der Refrain ist etwas vertrackt, also gilt auch für diesen Song: öfter hören, bevor er zündet.

Das folgende "Siege Tower" schlägt dann etwas die Edguy / Blind Guardian-Richtung ein, ist ebenfalls ziemlich sperrig, bietet durchgehend guten Powergesang, ist sehr roh gehalten und überzeugt mit kraftvollen Gitarrenmelodien. Dadurch, daß der Song teils unplugged daherkommt, könnte er zum "Bard's Song" der Band werden.

Absolut heavy wirds dann bei "Schattentor", einem weiteren Highlight der Platte mit leichten Queensryche-Anleihen und sehr dichtem Soundteppich. Durch den durchgehend vertrackten Gesang vernimmt man das deutsche Wort "Schattentor" kaum, aber es passt zu 100% in die Songstruktur. Eine tolle Idee, die diesen (wiederum nicht sofort eingängigen) Midtempostampfer veredelt. Live wird der Song mit Sicherheit außerordentlich gut ankommen!

Es bleibt heavy! "Skin & Feather" kommt gleich zu Beginn mit Bratgitarren daher, ist ein Uptempokracher und fährt sehr rauhen Gesang auf. Auf Keyboards wurde ganz verzichtet, dafür aber der "Rockanteil" erhöht, was beweist, das die Band auch diese Aufgabe hervorragend meistert. Ein durchgehendes Doublebasegewitter gehört ebenso dazu wie der tolle, eingängige Refrain. Die an Adrian Smith erinnernden Soli in der Mitte unterstreichen die Zugehörigkeit der Band zur klassischen Basis.

Das (zum Zeitpunkt der Listening-Session) noch ungemasterte "Mortal's Sinful Wrath" ist ein absoluter Ohrwurm vor dem Herrn, ebenfalls sehr roh belassen und bietet tolle Gitarrenduelle im Mittelteil. Keyboards sind hier nicht zu hören, dafür gibts einen Refrain, der sich bereits nach dem ersten Hören fest im Schädel einnistet. Live auf alle Fälle ein Abräumer. Geil!

In die selbe Kerbe haut "Sacral Fire", das nach einem frickeligen Anfang sehr schnell und aggressiv auf den Boxen dröhnt und sich danach im Mittelteil zu einem "Galoppelbanger" mausert. Durch vertrackte Beats im (mitgrölkompatiblen) Chorus wirkt auch dieser Song zuerst sperrig und benötigt, wie so manch anderer Song dieser Scheibe auch, den einen oder anderen Durchlauf.

Der Abschlusstrack "The Valiant" bietet dann wieder Keyboards und einen hohen Bombastfaktor. In Midtempo gehalten, greift er nochmals alle Ideen der Scheibe auf, ist sehr melodisch und besitzt Soundtrackqualitäten. Auffällig sind auch die tollen Spannungsbögen und der wiederum progressive Aufbau. Jioti brilliert hier erneut mit tollem Gesang und macht ein letztes mal klar, daß die Jungs durchweg ihr Handwerk verstehen.

Auch wenn man nach ersten Sessions nicht mit einem Urteil abschließen darf, bin ich der Auffassung, dass die Band hier nicht nur ihren Erstling "Lord Of Earth And Heaven's Heir" getoppt hat, sondern sich mit dem neuen Album auch einige neue Fans ins Lager holen dürfte. Die Ausgewogenheit zwischen komplexen Bombasthymnen und simpleren, eingängigen Rockern stimmt. Außerdem muß man positiv berücksichtigen, daß sich die Jungs nicht auf kommerziell relativ sicherem Terrain bewegen, sondern recht progressiv zu Werke gehen. Ebenso sind (zum Glück!) keine Vergleiche mit der Italo-Kitsch-Fraktion angebracht, sondern es wird durchgehend hochwertige Euro-Metal-Power geliefert. Freuen wir uns auf das endgültige Resultat!

(do)

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